Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Freitag, 6. Mai 2016

Goethe? Muss man nicht kennen!

Oder doch?

Es gibt sie, die deutschen Muttersprachler mit deutscher Nationalität, die sich für Literatur interessieren, indem sie gern lesen oder gar selbst schreiben. Es gibt diese Menschen, auf die das zwar zutrifft, die aber nicht einen Titel großer deutscher Literaten wie Goethe oder Schiller nennen können, ja, nicht einmal jemals in ihrem Leben diese Namen hörten.

Nicht nur, weil ich Germanistik studiere, war diese Erkenntnis für mich sehr schockierend, als ich im Internet auf besagte Menschen traf. Noch mehr hatte es mich getroffen, als ich bemerkte, dass die Personen ihrem zugegeben sehr peinlichen Unwissen entweder gleichgültig entgegentraten oder gar noch stolz darauf waren. Beim weiteren Nachdenken leuchtete dieses Verhalten zumindest bis zu einem gewissen Grad ein, denn sie wissen ja nicht, wie gravierend ihr Unwissen wirklich ist, es ist ihnen nicht bewusst.

Dieser Schockmoment hatte mich zu der Frage geführt: Ist es für die Allgemeinbildung so wichtig, zumindest die bedeutendsten Werke des deutschen Kanon zu kennen?

Ja.

Es ist besorgniserregend, dass diese Frage überhaupt gestellt werden muss. In meinen Augen versagt hier das deutsche Schulsystem, dass es die bedeutendsten deutschen Literaten nicht mehr fest im Lehrplan hat. Schon ein oder zwei Jahre nach Beendigung der Grundschule die Kinder beziehungsweise Jugendlichen mit Balladen wie dem Erlkönig oder dem Zauberlehrling für Goethe zu begeistern, erscheint in meinen Augen als keine unüberwindliche Herausforderung. Beide Texte weisen keine allzu schwere Sprache auf und behandeln phantastische Themen, ein Genre, das momentan ohnehin sehr beliebt bei jungen Menschen ist.

Faust ist der Kern des deutschen Kanon, das non plus ultra, was unsere Literatur bis heute jemals hervorbrachte, wenn man so will. Dass man das nicht mit Siebtklässlern behandeln kann, liegt auf der Hand. Spätestens in den oberen Klassen sollte er aber behandelt werden. Meine eigene Deutschlehrerin hatte hier versagt und mir das Werk so madig gemacht, dass ich auf Jahre hinaus die Finger davon gelassen hatte, bis ich wieder erkannte, welcher Genius eigentlich im Faust steckt. Nichtsdestotrotz hat sie aber insofern ihren Job gemacht, als dass sie den Faust überhaupt so ausführlich mit uns behandelt hatte.

Ein literarischer Kanon ist per Definition die Menge an Texten, die zu einer bestimmten Zeit in bestimmten Kreisen als obligatorisch angesehen wird, um als gebildet zu gelten. Dabei gilt die Faustregel, dass der Bildungskanon über den Schulkanon hinausreicht, sprich umfangreicher ist. Es gibt mehrere Arten von Kanons, nebst dem Bildungs- und Schulkanon zum Beispiel auch der Gegenkanon oder der individuelle Kanon. Um einmal beim Faust zu bleiben: Er gehört zum Bildungskanon, wie oben bereits angesprochen, bildet er sogar dessen Kern, um welchen sich sämtliche andere Werke herum in absteigender Hierarchie anordnen. Was zum Kanon gehört und was nicht, ist ein steter Diskurs der Literaturwissenschaft. In einem sind sich alle jedoch sicher: Faust gehört dazu.

Und warum? Goethe war Jurist, Maler, Naturwissenschaftler und Schriftsteller in allen drei Gattungen der Literatur, sprich Lyrik, Epik und Dramatik. Sein gesamtes Lebenswerk ist kanonisiert, da er wie kein anderer Innovationsleistungen für die deutsche Kunst und Kultur erbrachte. Seine Sprache ist unglaublich divers und hat damit Vorbilder für sämtliche weitere Literatur geschaffen. Bernd Witte schreibt in „Johann Wolfgang Goethe: Gedichte“, Reclam, Stuttgart 2005, dass Goethe damit die deutsche Lyrik „erst eigentlich geschaffen“ habe. Er bedient sich historischer Vorbilder vor allem der Antike und formt sie zu etwas Neuen, bisher nie Dagewesenem.

Goethe war in seiner Zeit unglaublich populär und ist es bis heute. Selten hat ein Roman einen solchen Effekt ausgelöst wie „Die Leiden des jungen Werther“. Man kleidete sich wie Werther, man sprach wie er, schrieb wie er, und, man mag es kaum glauben, es gab sogar suizidale Nachahmer des Werkes, welche so sehr darin aufgegangen waren, dass sie sich wie Werther umbrachten. Mein Literaturprofessor, Professor Oschmann, betont zwar gern, dass selten etwas in den Kanon aufgenommen wird, das von der breiten Masse gelesen wird, aber dass Goethe eine der wenigen Ausnahmen ist, sollte deutlich sein.

Und Faust? Heinrich Heine nennt dieses Werk Goethes „weltliche Bibel der Deutschen“. Und wie Recht er damit hat! Zentrales Thema ist die Hybris, die mitunter unbefriedigende Wirkung der Wissenschaft und der Genuss des Lebens. Nicht zuletzt der Frühlingsspaziergang, den jeder kennen sollte, macht dies deutlich. Faust kommt mit seinem Gehilfen Wagner nach langer Zeit aus seinem Studierzimmer heraus und erfreut sich all der bunten Farben und des Lebens und der Freude um ihn herum. Der Frühlingsspaziergang ist so unglaublich lebendig beschrieben, dass man selbst im tiefsten Winter meint, die Freude über das erblühende Leben zu spüren.

Goethe widmet sich im Faust noch zahlreichen anderen Themen, so zum Beispiel in der Gretchentragödie dem Motiv der Religiosität (die Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ Faust I, Vers 3415) in Liebesbeziehungen sowie darin auch dem Standes- und Altersunterschied.

Liest man den Faust, so fällt überhaupt auf, dass gefühlt jeder zweite Vers heutzutage zu einem geflügelten Wort wurde. Wer hat nicht schon von des Pudels Kern gehört oder vom Geist, der stets verneint, dem Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft?

Freilich wird nicht jeder beliebige Autor in den Bildungskanon aufgenommen. Warum Goethe dazu gehören muss, wurde hier überblicksartig gezeigt. Es gibt jedoch verschiedene Kriterien, die generell erfüllt sein sollten:

1.      Bei der Kanonisierung wird dabei auf die Innovationsleistung des Autors in formaler Hinsicht geschaut. Lessing beispielsweise führte das bürgerliche Trauerspiel ein, womit die großen Dramen und Tragödien der Bühnen nicht nur den Adeligen vorbehalten war, sondern gezeigt wurde, dass auch Bürgerliche tief genug fallen können, um eines Bühnenstückes Wert zu sein.
2.      Die Aufnahme in den Kanon ist eine Frage der Darstellungsform und der vermittelten Werte. Ein Text ohne jegliche Aussage oder gar mit fragwürdiger Aussage wird kaum Chancen haben, in irgendeinen Kanon aufgenommen zu werden, da er entweder belanglos oder zu kritisch ist, um akzeptiert werden zu können.
3.      Es wird auch auf die formalen, wertästhetischen Komplexe geschaut. Literatur ist immer auch Kunst. Wörter halbwegs sinnvoll aneinanderreihen kann jeder, dies jedoch im besonderen Mathe ästhetisch zu gestalten, ist eine ganz andere Liga.

Auf den ersten Blick mag das trivial und unbedeutend erscheinen. Um zu zeigen, dass dem nicht so ist, soll ein kleiner, ausschnittsartiger Abstecher in die Geschichte und die Anfänge der Germanistik erfolgen.

Wie man hoffentlich aus dem Geschichtsunterricht gelernt hat, ist Deutschland eine sogenannte Kulturnation, die sich nicht, wie beispielsweise Polen, in erster Linie aus politischen Ereignissen heraus bildete, sondern aufgrund der gemeinsamen Kultur. Es waren unter anderem die ersten Germanisten des beginnenden neunzehnten Jahrhunderts, die sich zusammentaten und herausfinden wollten, was denn überhaupt die Kultur der Deutschen ist. Herausragende Leistungen erbrachten dabei unter anderem die Gebrüder Grimm mit ihren Märchensammlungen und, noch viel wichtiger, ihrem diachronen Wörterbuch der deutschen Sprache.

In der Zeit wurden alte Epen wie die Nibelungensage zuhauf aufgearbeitet und zu dem erklärt, was die deutsche Seele ausmacht. Den Kanon zu kennen, heißt also auch, die eigene Kultur zu kennen. Weltkriege hin oder her, ich bin der Ansicht, dass auch Deutsche das Recht darauf haben, Nationalstolz zu besitzen, ohne gleich als Nazi verschrien zu werden.

Werke des Kanons zu kennen, fördert zum einen das eigene differenzierte Weltbild und lehrt einen, Dinge zu hinterfragen. Darüber hinaus vermittelt die Lektüre wichtige moralische und ethische Werte. Die Ringparabel in Lessings Nathan der Weise beispielsweise ist momentan aktueller denn je zuvor. Ihre Aussage ist klar: Die Religionen stehen gleichberechtigt nebeneinander, es spielt keine Rolle, ob du Christ, Jude oder Moslem bist. Sollte man selbst schreiben, fördert die Kenntnisse kanonisierter Werke auch das eigene Schreiben. Durch die Innovationsleistung der kanonisierten Autoren kann man sehr viel für das eigene Schreiben mitnehmen und daran wachsen.

Zum Anderen entgehen einem dadurch einfach wunderbare Werke mit einer solch schönen Sprache, wie sie einem nicht an jeder Straßenecke begegnen. Ich erwähnte bereits den Osterspaziergang mit seiner belebenden Wirkung. Er soll hier in seiner ganzen Länge zitiert werden:

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
Durch des Frühlings holden, belebenden Blick;
Im Tale grünet Hoffnungsglück;
Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in raue Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weißes;
Überall regt sich Bildung und Streben,
Alles will sie mit Farbe beleben;
Doch an Blumen fehlt’s im Revier,
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.
Kehre dich um, von diesen Höhen
Nach der Stadt zurückzusehen!
Aus dem hohlen, finsteren Tor
Dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern;
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
Denn sie sind selber auferstanden:
Aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straße quetschender Enge,
Aus den Kirchen ehrwürdiger Nacht
Sind sie alle ans Licht gebracht.
Sieh nur, sieh! Wie behend sich die Menge
Durch die Gärten und Felder zerschlägt,
Wie der Fluß, in Breit‘ und Länge,
So manch lustigen Nachen bewegt;
Und bis zum Sinken überladen
Entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Bergen fernen Pfaden
Blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfes Getümmel;
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet Groß und Klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.


J.W. v. Goethe – Frühlingsspaziergang aus Faust, Der Tragödie erster Teil, Ausgabe von 1947

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