Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Sonntag, 12. Juni 2016

Rezension: Grauwacht von Robert Corvus

Fantasy? Science-Fiction? Warum nicht beides zugleich? Mit „Grauwacht“ ist Robert Corvus die Fusion beider Subgenres der Phantastischen Literatur mit Bravour gelungen. Er erzählt darin die Geschichte eines Planeten, der kurz vor dem Abgrund steht – und niemand will die Augen für die Gefahr öffnen, bis es beinahe zu spät ist. 

Bisola ist eine zweigeteilte Welt. Die Rotation des Planeten verläuft in Relation zu seiner Umlaufbahn um seine Sonne so langsam, dass eine Umdrehung ein Menschenleben dauert. So liegt eine Seite von ihm über Jahre hinweg im Licht der Sonne, die andere im Schatten. Die echsenhaften Sasseks brauchen die Wärme, um überleben zu können, und schlossen daher einen Pakt mit den Menschen, der diese verpflichtet, auf der eisigen Schattenseite des Planeten zu leben. Die Grauwacht beaufsichtigt den Abzug der Menschheit, sobald die Dämmerung heraufzieht, sodass die Sasseks das bald sonnige Land in Anspruch nehmen können. Als jedoch eine zweite, blaue Sonne am Himmel auftaucht und die Dämmerung kein Ende nimmt, zieht eine neue, bisher unbekannte Gefahr auf, die nur von wenigen als solche erkannt wird.

Der Roman beleuchtet die Einzelschicksale einiger Menschen und Sasseks exemplarisch für das Schicksal der gesamten Population. Der Guardista Remon, der die Grauwacht entgegen ihrer Gesetze für seine Frau Nata und ihre gemeinsame Tochter Enna verlassen hat, wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Vorena, ebenfalls eine Guardista, holt ihn in die Reihen der Grauwacht zurück, um ihn wieder für den Dienst zu verpflichten. Nata, die glaubt, ihren Mann nie wieder zu sehen, zieht mit ihrer Tochter aus der Wildnis in eine der von Menschen gehaltenen Metropolen, wo sie mit dem Sassek Ssarronn Nachforschungen zu dem blauen Licht anstellt, das zunächst nur die beiden Monde bedeckt und bald auch zusammen mit einer zweiten Sonne auftritt.

Man braucht ein wenig, um sich in die Handlung und die Welt einzufinden, das Glossar am Ende des Buches hilft jedoch dabei. Der Autor gibt nicht immer für alles eine Erklärung, besonders dann, wenn die handelnden Personen etwas für ganz selbstverständlich und alltäglich halten. Er geht jedoch geschickt genug vor, sodass vieles aus dem Kontext heraus ersichtlich wird und seine Leser nicht völlig ahnungslos belassen werden.

„Grauwacht“ besticht durch sein ausgefallenes Worldbuildung, das zudem auch noch sehr gut durchdacht ist. Ein lang andauernder Wechsel von Tag und Nacht und die damit einhergehenden klimatischen Bedingungen auf den jeweiligen Seiten des Planeten leuchten immerhin wesentlich mehr ein als die ungleichmäßigen Jahreszyklen auf Planetos. (Es sei denn, Martin gibt doch noch irgendwann Hinweise darauf.)

Es kommt selten in einem Fantasyroman vor, dass der Autor zur Erklärung besonderer Phänomene nicht Magie, sondern Wissenschaft heranzieht, in diesem Fall Astronomie und, ja, auch hoch entwickelte Technologie. „Grauwacht“ ist mehr als „nur“ Fantasy, sondern vereint in sich sowohl Elemente dieses Genres als auch der Science-Fiction. Mehr sei an dieser Stelle nicht gesagt, denn das würde die mehr als gelungene Auflösung vorausnehmen.

Auch der Schreibstil des Autors besticht mit seiner Variantenvielfallt. Corvus gelingt es, durch Erzähltempo und Diversität zusätzliche Atmosphäre aufzubauen. Nur selten stechen zu verschachtelte Sätze oder die eine oder andere Wortwiederholung heraus, fallen aber nicht weiter negativ auf.

„Grauwacht“ ist ein Roman, bei dem man sich wünscht, dass er nie endet. Leider hat er nur 415 Seiten, die viel zu schnell vorbei sind, aber zum Glück lässt der Autor seinen Lesern viel Spielraum für ihre eigenen Gedankenspielchen. Die Lektüre ist also auch nach 415 Seiten noch nicht wirklich vorbei, der Roman lässt einen nicht ohne weiteres los. Ist man einmal auf Bisola festgefroren, will man auch nicht einfach so gehen. Und wer mag, kann auch einen kleinen Mahnfinger in Richtung der Übertechnisierung und ihrer womöglichen Folgen sehen.

Alles in allem ist dieser Roman eine unbedingte Leseempfehlung!




Daten
Grauwacht: ISBN 978-3-492-26994-0, Piper, 2015, 12,99€

1 Kommentar:

  1. Hallo :)
    Grauwacht steht auf meiner Wunschliste. Das Buch klingt gut, bis jetzt sind die Meinungen die ich dazu gelesen habe sehr unterschiedlich. Da muss ich mir auf jeden Fall eine eigene Meinung bilden!

    LG

    AntwortenLöschen

Um in irgendeiner Weise unerwünschte oder bedenkliche Kommentare zu vermeiden, werden die Kommentare moderiert. Außerdem ist die Sicherheitsabfrage angestellt. Beachtet das bitte, nicht, dass ihr euch hinterher ärgert, dass euer Kommentar weg ist, weil ihr vielleicht bei der Sicherheitsabfrage etwas falsch eingegeben habt :)