Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Sonntag, 19. Juni 2016

Rezension: Jamil: Zerrissene Seele von Farina de Waard

Farina de Waard wird als eine Entdeckung der Selfpublisher-Fantasy gefeiert. Mit dem „Vermächtnis der Wölfe“ wurde sie bekannt und gewann 2015 den Indiebuchpreis der Leipziger Buchmesse, bei welchem sie im Folgejahr selbst Juror gewesen war. „Jamil: Zerrissene Seele“ ist nun der Auftakt einer neuen Reihe der jungen, aufstrebenden Autorin. 

„Niemals hatte Jamil damit gerechnet, dass seine Verlobung mit Lezana ein Inferno solchen Ausmaßes auslösen würde.“ So beginnt das Abenteuer Jamils, ältester Sohn des Rätors der Handelsstadt Kas’Tiel. Denn die Stadt wird angegriffen und nur wenige können auf einem Schiff entkommen. Darunter sind auch Jamils Eltern und sein Bruder Balor. Sie stranden an einer fremden Küste, sind aber selbst dort nur Eindringlinge, die das Land der Ureinwohner an sich reißen. Jamil glaubt, dass sie einen friedlichen Neubeginn erleben dürfen, stattdessen wird er von Unbekannten erschossen. Doch statt tot zu bleiben, nisten sich ein heilender Geist und ein Dämon in seinem Körper ein, und retten ihm das Leben – nur, um zu bewirken, dass Jamil sowohl von seinen eigenen Leuten als auch den Ureinwohnern als Dämon verdammt wird.

Im Grunde klingt das nach einer vielversprechenden Handlung, leider wird nicht viel daraus gemacht. Einen Großteil der Handlung über liegt Jamil schwer verwundet da, während er von dem Mädchen Ashanee, eine der Ureinwohner, beobachtet und umsorgt wird. Und natürlich, wie soll es anders sein, verlieben die beiden sich ineinander. Wir haben auch seit Romeo und Julia keine vergleichbare Liebesbeziehung erlebt.

Die unglaublich vorhersehbare Liebesbeziehung ist nur ein Beispiel von vielen, die zeigen, dass die Handlung wesentlich flacher ist, als sie klingt. Wer Jamil erschossen hat, war sehr schnell ersichtlich, nachdem betont wurde, dass die Pfeile nicht von Ashanees Volk stammen und Balor nicht gerade Freund mit seinem Bruder, ja, regelrecht neidisch auf ihn war. Das ist wirklich schade, denn Potenzial lässt die Autorin eigentlich erkennen!

Balor selbst ist wie viele andere Charaktere sehr einseitig und schablonenhaft gestaltet. Er ist förmlich besessen von seinem Hass auf seinen Bruder, was übrigens, weil hier das Worldbulding fehlt, nie wirklich glaubhaft dargestellt wird. Jamil hingegen nimmt es sehr bald heroisch hin, dass sowohl die Ureinwohner als auch seine eigenen Leute ihn als Dämon sehen. Die einzige „Rache“, die er an ihnen übt, ist, einmal des Nachts ein paar blutige Handabdrücke an den Türen zu hinterlassen. Am Schluss rettet er sogar beide Parteien voreinander, obwohl das einzige, was ihn an sie bindet, Ashanee ist, und er ihnen ansonsten nichts schuldet, jenen Leuten, die ihn mit Vorurteilen behafteten, ihn verstießen und misshandelten und sich nicht die Mühe machten zu überprüfen, ob er wirklich ein Dämon ist.

Sowohl Handlung als auch Charaktere sind so schablonenhaft, dass im Prinzip kein Überraschungseffekt aufkommt. Die  Neuankömmlinge nehmen Land in Besitz, das nicht ihres ist, und geraten damit mit den Ureinwohnern in Konflikt. Gleichzeitig haben sie ein gemeinsames Feindbild: den Dämon Jamil, der nur von Ashanee verstanden wird, die ihn eigentlich hätte ausspionieren sollen. Immerhin geht das Buch in seiner Symbolik auf die gegenwärtige Flüchtlingssituation soweit und sagt nicht, dass sich beide Partien gegen den gemeinsamen Feind verbünden, was sehr idealistisch gewesen wäre.

Im Grunde hat das Buch eine sehr aktuelle Thematik und vertritt ein paar gute Ansichten, was immer lobenswert ist; es ist wichtig, dass ein Werk auch eine Aussage hat, um nicht völlig in die Belanglosigkeit abzudriften. Ebenso wird es sicher Leser geben, die eine Handlung wie diese mögen. Für mich war es jedoch eindeutig zu flach und die Charaktere zu einseitig. Es wäre zum Beispiel wesentlich interessanter geworden, hätte Jamil sich aggressiver und ablehnender gegenüber den Ureinwohnern als auch seinen eigenen Leuten gezeigt. Gerade gegen letztere, welche ihn ohne Wenn und Aber verstoßen haben, als ihre Seherin verkündete, dass er ein Dämon geworden sei.

Die Flachheit drückt sich auch im Stil aus. Er ist annehmbar, nichts, das sich unangenehm lesen lässt. Er ist aber auch sehr gewöhnlich, manchmal mit Tendenzen zur Umgangssprache und ohnehin überwiegend eher einfach.

Was tatsächlich sehr lobenswert ist, ist der oben zitierte erste Satz des Buches. Üblicherweise geht man bei solch einer Formulierung von einer gewissen Metaphorik aus und nicht davon, dass das Inferno wörtlich gemeint ist. Das war in der Tat sehr überraschend und kreativ.

Leider muss auch das mit einem großen Aber versehen werden, denn es hätte dem Buch sehr gut getan, die Genesung Jamils einzukürzen und dafür zu einem früheren Zeitpunkt als dem Angriff auf Kas‘Tiel in die Handlung einzusteigen. Die Stadt brennt, wenige können fliehen, sie finden ein neues Heim, beginnen gerade, die ersten einfachen Hütten zu bauen und schon wird Jamil erschossen, um dann für wohl die Hälfte des Buches dahinzusiechen. Bevor er erschossen wird, ist einfach keine Luft für den Leser, die Charaktere und ihre Beziehungen zueinander kennenzulernen oder eine Beziehung zu ihrer zerstörten Heimat aufzubauen. So nimmt es den Leser kaum mit, dass sie alles verloren haben. Und gerade in Bezug auf Balors Motive wäre es enorm wichtig gewesen, ihn näher kennen zu lernen, ehe Jamil erschossen wird. Stattdessen wird all das erst im Nachhinein gegeben, das Schreibprinzip „Show don’t tell“ also ungeschickterweise ins Gegenteil verkehrt.

Das Buch ist kein völliger Reinfall. Gerade die Ansprüche an die Handlung und Charaktere sind ein sehr subjektiver Aspekt. Wie bereits betont wurde, gibt es bestimmt Leser, die so etwas gern lesen. Anspruchsvollere Leser werden allerdings wohl eher nicht in Lobeshymnen aufgehen. Suchen sie seichte Literatur für zwischendurch, könnten auch sie darüber nachdenken, zu „Jamil“ zu greifen. Das Buch ist annehmbar geschrieben und die Handlung, wenn auch nicht sonderlich originell, nicht die langweiligste.


An dieser Stelle noch mal Danke an die Autorin für die Widmung im Buch und das nette Gespräch auf der Messe!


Daten
Jamil: Zerrissene Seele: ISBN 978-3-945073-66-7, Fanowa Verlag, 2016, 12,90€

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