Vorbemerkung: Der nachfolgende Text ist ursprünglich eine Seminararbeit, die allerdings thematisch gut auf den Blog passte.
1. Einleitung
2022 gewann Kim de L’Horizons
Debütroman Blutbuch den Deutschen Bruchpreis – welcher damit erstmals an
eine nichtbinäre Person ging, ein bedeutendes Zeichen für mehr Diversität auf
dem deutschsprachigen Buchmarkt. Wie so häufig dieser Tage bei nicht-cis
Personen löste das Buch eine mediale Debatte um das Geschlecht Kims aus, leider
nur nicht auf literarischer Ebene. Dabei ist es interessant zu betrachten, wie
in den Roman der abstrakte Begriff gender konstruiert wird und welche
Mittel Kim de L’Horizon dafür zur Hilfe nimmt, um etwas Abstraktes greifbarer
zu machen. Deswegen möchte ich mich hier auch näher damit auseinandersetzen.
Der Roman verortet sich in der
Autofiktion. Festmachen lässt sich das unter anderem am Paratext des Romans, in
dem es heißt, Kim sei 2666 auf Gethen geboren. Gethen ist dabei eine Anspielung
auf den Schauplatz des Romans Die Linke Hand der Dunkelheit von Urusula
K. Le Guin und das Jahr 2666 eine Anspielung auf dem gleichnamigen Roman von
Roberto Bolaño. Auch liegen mitunter verfremdende Dialoge vor, so zum Beispiel
der Dialog des Kindes mit der Blutbuche unter anderem auf Seite 76 und 93f. Dort
heißt es unter anderem, dass die Blutbuche das Blut des Kindes „trinkt“, eine
Personifikation des Baumes. Direkt darauf spricht die Buche und eine Wurzel
bewegt sich scheinbar autonom.
Teils wird das Genre sogar direkt
angesprochen; so diskutiert Kim beispielsweise, was so inhärent queer an
Autofiktion sei: „to start writing from a reality that repeats the fiction that
we don’t exist. To start
writing from a reality that isn’t real to us, that puts us in the realm of
fiction.” (de L’Horizon 2022: 270) Die allocisheteronormative
Gesellschaft behandelt queere Identitäten und besonders all jene gender,
die unter den nichtbinären Oberbegriff fallen, noch immer nicht als real,
begegnet ihnen gar oft mit Feindseligkeit; um das zu sehen, reicht ein Blick in
die Rezensionen auf Amazon zu Blutbuch, in denen Kim de L‘Horizons
Identität als ausgedacht und geisteskrank und allerlei andere entwürdigende
Dinge bezeichnet wird. Ein autofiktionales Werk zu schreiben, drückt also den
Wunsch aus, eine alternative Realität zu erschaffen, in der queere Menschen als
die Menschen existieren dürfen, die sie sind, eben weil Fiktion derzeit die
einzige Welt ist, in der sie existieren dürfen. Es ist vielleicht der
urtümlichste Wunsch von allein: einfach in Frieden zu leben.