Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Sonntag, 27. November 2016

Rezension: Schattenreiter (Ära der Drachen #1) von Gesa Schwartz

Die Autorin Gesa Schwartz ist bisher für ihre Chroniken der Schattenwelt und die Grim-Reihe bekannt. Nun begibt sie sich mit »Schattenreiter«, dem ersten Band der Ära der Drachen, in eine postapokalyptische Zukunft, in der die Menschheit nur noch wie Ratten in den Untergrundsystemen der großen Städte von einst leben kann. Denn die Oberfläche wird nun von Drachen regiert.

Sira ist eine Diebin aus den U-Bahn-Tunneln des einstigen New York. Von dort aus unternimmt sie immer wieder Streifzüge an die Oberfläche, um aus den Ruinen alles von Wert zu stehlen, dessen sie habhaft werden kann. Dabei muss sie immer wieder den Drachen des Königs trotzen, die sich über jeden Menschen her machen, den sie finden. Eines Tages wird ihre U-Bahn-Station von den Drachen angegriffen und ihr Bruder getötet. Beinahe wäre es auch um sie geschehen, als plötzlich die Reiter des Schattens, Drachenreiter mit magischen Fähigkeiten und Rebellen gegen den König, kommen und sie retten. Denn auch sie ist ein Drachenblut und hat damit die magischen Fähigkeiten, die sie zur Drachenreiterin prädestinieren. Trotz ihres Hasses auf Drachen schließt sie sich den Reitern des Schattens an, um Rache zu nehmen für den Tod ihres Bruders.


Das Buch hat auf jeden Fall seine Schwächen, es hat aber auch absolut tolle Drachen, die vieles wieder rausreißen. Zudem ist das Buch optisch eine Augenweide. Das Cover ziert ein wunderschönes Bild von Sira und einem Drachen vor der Kulisse des zerstörten New York. Auch auf der Innenseite des Covers findet sich ein tolles Bild eines Drachenreiters und seines Drachens. Im Buch selbst findet man immer wieder klasse anzusehende Portraitzeichnungen von verschiedenen Drachen. Also Drachen, Drachen und noch mal Drachen! Ist das nicht toll?!

Der Klappentext verspricht eine Mischung aus Dystopie und Fantasy, was an und für sich eine sehr bemerkenswerte Kombination ist, die auf jeden Fall neugierig macht. Es erinnert zunächst ein wenig an den Film »Reign of Fire«. Liest man dann, stellt man jedoch sehr schnell fest, dass mit Dystopie hier eher wenig ist. Wir haben zwar zerstörte Großstädte, die uns sehr vertraut vorkommen, dann hört es jedoch auf. Schwartz sagt nichts dazu und macht nur Andeutungen, wie es dazu kam, dass die Welt zerstört wurde und für Menschen ohne magische Fähigkeiten die Oberfläche unbewohnbar wurde. Das ist sehr schade, denn das »Wie kam es dazu?« ist bei Dystopien meist ein sehr spannender Aspekt. Liest man das Buch also als ganz normale High Fantasy, hat man allerdings ein gutes Buch, das einiges Lesevergnügen bereitet.

Kurz: Das Setting passt nicht zur Handlung. Bleibt man in der Analogie des Buches, müsste die Handlung irgendwann sehr weit in unserer Zukunft spielen. Betrachtet man Namen wie Nhor’garoth in Hinblick auf unsere Sprachen der Welt, fragt man sich: Wie in drei Teufels Namen soll dieser Name sprachgeschichtlich realistisch erklärbar und in einem nicht völlig übertriebenen Zeitrahmen entstanden sein?! Auch das ist ein Indiz dafür, dass das Buch vor allem als nette High Fantasy zu behandeln ist und weniger als Mischung aus Fantasy und Dystopie.

Auch der Stil spricht dafür. Er erinnert sehr an den getragenen Stil der üblichen Fantasy. Man hat zwar verschiedene Sprachebenen, die vor allem die Drachenreiter (das Fantasy-Element mit ihrer gehobenen Sprache) von den einfachen Menschen (der Dystopie-Teil mit der uns vertrauteren Sprache) abgrenzen, letztere kommen aber vor allem am Anfang des Buches zu Wort. Gerade da fällt der Kontrast auch besonders auf: Der gehobene Stil wirkt eher wie gewollt als gekonnt und zu erzwungen. Vor allem die furchtbar lästige Genitiv-Attribuierung fällt da ins Auge: Reiter der Schatten, Diebin der Schatten, Reiter des Sturms und so weiter. Irgendwann gewöhnt man sich zwar ein wenig daran, aber gerade zu Beginn ist das sehr störend.

Das Buch charakterisiert sich jedoch vor allem durch ein Merkmal: Es ist Eragon 2.0. Nun war Eragon nicht die schlechteste Reihe, was auch dieses Buch nicht unbedingt schlechter macht. Gelegentlich wäre ein wenig mehr eigene Kreativität jedoch wünschenswert. Gerade in Bezug auf die Beziehung von Reiter und Drache haben wir hier inhaltlich nahezu eins zu eins Eragon. Die Magie des Reiters wird durch seinen Drachen verstärkt, und stirbt der eine, geht auch der andere zugrunde. Kommt sehr bekannt vor, oder? Wie gesagt: Das macht das Buch nicht zwingend schlechter, weil Paolini einige wirklich tolle Ideen hatte. Wer jedoch auf mehr Eigenleistung plädiert, wird daran nicht unbedingt seine Freude finden.

Nebst dem Stil ist das größte störende Element die fehlende Erklärung einiger Dinge. Es ist immer wieder von »Schatten« die Rede, nach denen sich die Drachenreiter sogar benennen. Aber es wird nie so wirklich klar, was diese Schatten nun sind. Auch ist immer wieder die Rede von einem bösen König, den es zu bekämpfen gilt. Erst am Ende wird er in einem Nebensatz als »König der Welt« bezeichnet, wobei selbst hier fraglich ist, ob das nur wieder eine weitere stilistische Floskel ist oder ob es wörtlich zu nehmen ist. Also: Wer ist dieser König und welche Rolle spielt er in der Geschichte der Welt, dass sie so wurde, wie sie ist? Gerade das spielt doch auch eine große Rolle, weil die Motive der Charaktere aus ihrer Vergangenheit resultieren. Und gerade die wird mitunter sträflich vernachlässigt, besonders wenn es um die globale Historie statt um die Einzelschicksale geht.

Als kleines Bonbon nebst den schönen Zeichnungen gibt es allerdings immer mal wieder Zitate von Goethe, Shakespeare und Rousseau.

»Schattenreiter« ist ein ambivalenter Auftakt der Reihe. Optisch eine Augenweide, keine Frage, und wer Drachen mag, wird hier auf jeden Fall auf seine Kosten kommen. Jedoch wird die Freude von so manch einem Mängel gemindert. Die versprochene Dystopie gibt es nicht, dafür aber umso mehr solide Fantasy. Einiges jedoch bleibt wortwörtlich im Schatten und entlässt den Leser mit etlichen Fragezeichen nach über 700 Seiten feuriger Drachenaction.


Autor: Gesa Schwartz
Titel: Ära der Drachen: Schattenreiter
Original: Ära der Drachen: Schattenreiter
Sprache: Deutsch
Reihe: Band 1
Seiten: 734
Originalpreis: 19,99€
Verlag: Egmont Lyx
Genre: Fantasy
ISBN: 978-3-7363-0186-3
Erscheinungsjahr: 2016

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