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Donnerstag, 28. Mai 2020

Rezension: Die Schamanin (Im Zeichen der Mohnblume #1) von R.F. Kuang


Manche Autor*innen schüchtern ein. Rebecca F. Kuang gehört dazu. Gleich der Erstlingsroman der jungen Frau wurde zu einem internationalen Erfolg. Mit »Die Schamanin« hat es »The Poppy War« nun auch in die deutschen Regale geschafft.

Rin ist ein junges Mädchen aus einem provinzialen Dorf. Als Kriegswaise hat sie keine allzu rosigen Zukunftsaussichten: Ihre Pflegeeltern benutzen sie als billige Arbeitskraft und wollen sie als Braut an einen wohlhabenden Händler verkaufen. Rins einzige Chance auf ein Entkommen ist die renommierte Militärakademie von Sinegard. Um dort aufgenommen zu werden, muss sie jedoch zu den Besten der Besten gehören und konkurriert mit den Söhnen und Töchtern der Feudalherren, die ihr Leben lang dafür gelernt haben. Rin schafft es tatsächlich, doch damit fängt ihre Reise erst an. Mit einem Male stehen ihr alle Türen offen und Rin hat ihre Zukunft selbst in der Hand. Als die benachbarte Nation, die Föderation von Mugen, in das Nikarische Reich einfällt und Rin mit einem Mal ein Schwert in die Hand gedrückt bekommt, scheint ihr Pfad klar zu sein: Sie lebt, um ihre Kaiserin zu verteidigen. Doch jene birgt ein düsteres Geheimnis.


Der erste Band von »Im Zeichen der Mohnblume« ist gnadenlose grimdark Fantasy in Anlehnung an den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, durchmischt mit phantastischen Elementen und Politik Chinas zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Opium beispielsweise spielt eine wichtige Rolle in Rins Welt, ganz so wie es in China zur Zeit der Opiumkriege der Fall war. Rin selbst benutzt im Laufe der Geschichte Opium, um mit den Göttern in Verbindung zu treten.

Wer diesen Roman lesen möchte, sollte sich bewusst machen, dass Frau Kuang sehr schonungslos mit der Darstellung der Gräuel eines Krieges umgeht. Ihr gelingt es unheimlich gut, die Unmenschlichkeit dessen darzustellen, den Kampf um das nackte Überleben, wenn alle Gedanken nur noch auf den Gegner vor sich fokussiert sind und wenn dieser all seine Menschlichkeit verliert. Vor allem das. Rin erlebt ihre Feinde als gesichtslose Masse, fast schon dämonenhaft, wie sie wie eine Heuschreckenplage in ihrer Heimat einfallen und unbeschreibliche Gräueltaten begehen. Kuang beschreibt ebenjene sehr deutlich und scheut auch nicht davor zurück, Gewalt an Kindern und Babys zu zeigen. Wer so etwas nicht lesen kann, sollte eventuell nicht diesen Roman lesen oder zumindest die entsprechenden Kapitel überspringen.

Ich war zu Beginn etwas vorsichtig mit meiner Begeisterung. Aber irgendwann ab dem zweiten Drittel des Romans hatte er mich vollends und ich konnte ihn wortwörtlich nicht mehr zur Seite legen. Rins Welt ist ausgesprochen lebhaft und mit viel Liebe zum Detail geschildert, sodass die*der Leser*in ein gutes Gespür für ebenjene bekommt und sie deutlich vor Augen hat. Angenehm ist, dass wir dieses Mal keinen westlichen Fokus auf eine erdachte Welt haben, sondern der einer chinesisch-stämmigen Frau, die auch noch mit der Propagandaliteratur des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges dissertierte. Ihr Fachwissen hat deutliche Einflüsse auf den Roman und bereichert diesen ungemein.

Auch die Lehren des Daoismus fließen in den Roman ein, ohne dass er konkret benannt wird. Rins Lehrer Jiang beispielsweise lehrt sie, wie sie den Lehren des Daoismus entsprechend mit den Göttern in Kontakt treten kann. Ich kenne mich leider mit dieser Weltanschauung nicht genug aus, um weitere Stellen konkret zu nennen, kann aber auf jeden Fall lobend hervorheben, dass Kuang generell viele Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Gerade die Fragen der Kriegsführung spielen ab der zweiten Hälfte des Romans eine große Rolle. Welche Aktion eines Kriegsherrn ruft welche Gegenreaktion beim Feind hervor und führt zu welchem Ergebnis? Kurzfristige Erfolge auf dem Schlachtfeld können umso härtere Gegenschläge hervorrufen, die den momentanen Erfolg wieder zunichte machen können.

Der Roman fokussiert sich auf Rin und beleuchtet ihre Psyche sehr umfangreich und glaubwürdig. Sie trifft im Laufe des Romans Entscheidungen, die schreckliche Folgen haben, für die man sie vielleicht sogar verurteilen würde. Im Kontext ihrer Erfahrungen ergeben diese jedoch Sinn. Das Motiv der Rache spielt für sie vor allem gegen Ende eine immer größere Rolle. Sie muss sich dann jedoch auch mit der Frage auseinandersetzen, ob sie mit ihren Taten wirklich besser handelt als der Feind.

Der einzige wirkliche Kritikpunkt, den ich habe, liegt jedoch auch hier. Zu Beginn des Romans ist Rins einzige Motivation, ihrem zukünftigen Ehemann zu entkommen, indem sie in Sinegard aufgenommen wird. Als sie das schafft, bricht das weg. Rin ist ab diesem Zeitpunkt wie ein Kind, das wahllos auf Dinge zeigt und sagt: »Das gefällt mir, das will ich haben.« Sie scheint zunächst ziemlich planlos zu sein. Zugegeben: Sie ist da noch ein Kind, dem plötzlich alle Möglichkeiten offen stehen. Das ändert sich jedoch, als sich ihre schamanistischen Kräfte zeigen und schließlich Nikara angegriffen wird. Rin wird in dem Moment erwachsen, als ihr ein Schwert in die Hand gedrückt wird.

Rin ist in ihrem Vorgehen extrem zielorientiert. Sie will in Sinegard aufgenommen werden, also macht sie wirklich alles, um dieses Ziel zu erreichen. Dabei schreckt sie auch nicht davor zurück, sich selbst zu verletzen. Ist sie erst einmal in Sinegard, bekommt sie das erste Mal ihre Regelblutung. Sie wurde darüber nie aufgeklärt, erschreckt sich gewaltig darüber und empfindet das als Hindernis für ihre Ausbildung. Ihre logische Konsequenz ist, sich die Gebärmutter entfernen zu lassen, um das Problem mit der Blutung zu beseitigen. Ein extrem krasser Schritt. Ehrlich gesagt, empfand ich das jedoch als positiv, weil Rin somit (vorläufig) kein weiblicher Charakter ist, dem es auch nur in irgendeiner Weise um Romantik und Kinder geht. Ansonsten scheint es Frauen grundsätzlich bestimmt zu sein, Kinder haben zu wollen, und nie werden Besitzer*innen von Gebärmüttern thematisiert, denen das vollkommen abgeht. Selbst Yennefer aus Sapkowskis Romanen ist zwar ebenfalls steril, leidet aber darunter, keine Kinder bekommen zu können. Das vermittelt den Eindruck, dass es Frauen schlussendlich immer ums Kinder bekommen geht. Bei Rin ist das nicht der Fall.

»Die Schamanin« ist ein schonungsloser Auftakt einer Grimdark Fantasy Trilogie. Kuang schreckt nicht vor schwierigen Themen zurück und schildert Krieg so grausam, wie er ist. Ihre Protagonistin Rin ist eine Kämpferin durch und durch und schreckt auch vor schwerwiegenden Problemlösungen nicht zurück. Ihre Welt wird lebhaft geschildert und bietet einen angenehm neuen Blickwinkel auf eine Fantasy-Welt. Kurzum: Der Hype um »The Poppy War«, so der originale Titel, ist absolut berechtigt und der Roman eine unbedingte Empfehlung!


Ich danke dem Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


Mögliche Trigger
- Gewalt gegen Menschen
- Tod/Mord
- Militärgewalt
- Folter
- Vergewaltigung
- Selbstverletzendes Verhalten
- Krieg
- Kriegstrauma
- Drogenkonsum

Reiheninformation
Autor*in: R.F. Kuang
Titel: Im Zeichen der Mohnblume – Die Schamanin
Sprache: Deutsch
Übersetzung: Michaela Link
Umschlagsgestaltung: Isabelle Hirtz
Reihe: Band 1
Seiten: 672
Originalpreis: 12,99
Verlag: Blanvalet
Genre: Fantasy
ASIN: B07Q5ZDLQB
Erscheinungsjahr: 2018

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