Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Samstag, 28. März 2026

Rezension: Toxische Weiblichkeit von Sophia Fritz

Toxische Männlichkeit ist hinlänglich bekannt. All die Andrew Tates und Christians dieser Welt, das 0815 Macho Alpha Männchen, bis hin zum Bayrischen Foodblogger und ... was auch immer Frizze Merz ist (Spoiler: alles, nur kein Bundeskanzler, ich tendiere zu labbrigem Toastbrot), es gibt unzählige Bücher darüber, wie diese cis Männer im Patriarchat ihre Macht erhalten. Aber gibt es ähnliche Verhaltensmuster auch bei weiblich sozialisierten Personen? Eine toxische Weiblichkeit also?

So lautet der Titel von Sophia Friz’ Buch, und als ich es zufällig in der Buchhandlung meines Vertrauens sah, dachte ich sogleich: »Oh, schau an. Die Cissen haben ja tatsächlich mal so etwas wie Selbsterkenntnis!« In erwartungsvoller Vorfreude sackte ich das Buch also gleich ein und fing sogar schon auf dem Heimweg an, darin zu lesen. Ich wollte dieses Buch mögen, wirklich. Am Ende stellte es sich als kompletter Reinfall heraus. Um es kurz und knapp zu machen: Dieses Buch unerträglich privilegiert, weiß und cissig.

Manch eine Rezensentin hat sich echauffiert, dass Frauen auch sonst schon immer die Verliererinnen im Patriarchat sind, und jetzt sollen sie auch noch Täterinnen sein? Unerhört! Dabei ist die zugrunde liegende Message des Buchs eigentlich eine gute: Nur wenn Frauen anerkennen, dass auch sie toxische Verhaltensmuster haben und nicht immer nur die phözen Männer (dabei wird natürlich in bester cissiger Manier nicht zwischen endo und inter, cis und trans, weiß und Schwarz usw. unterschieden, es sind einfach MännerTM), können alle auf ein gleichberechtigtes Miteinander hinarbeiten. Selbsterkenntnis ist immerhin der erste Schritt zur Besserung. Weiße endo cis Frauen gehören mit zur privilegiertesten Bevölkerungsgruppe innerhalb des Patriarchats, und Fritz ist sich durchaus ihrer Privilegien bewusst als gut situierte, normschöne weiße cis Frau. Leider hört es bei dieser Erkenntnis auf und sie denkt nicht wirklich darüber nach.

Stattdessen windet sie sich zu Anfang über zig Seiten, wie unangenehm sie es zunächst fand, sich mit der Erkenntnis auseinander setzen zu müssen, selbst toxisches Verhalten internalisiert zu haben. Plötzlich merkt sie, wie unangenehm das ist, die eigenen Privilegien zu hinterfragen und zu erkennen, dass eins vielleicht andere Menschen marginalisiert hat. Sie ist in diesem Denkprozess in der »huch, ist das unangenehm« Phase übrigens stecken geblieben und hat das nie wirklich vertieft, aber dazu gleich mehr. Währenddessen wird von (weißen endo cis) Männern seit Jahren gnadenlos gefordert, denselben Prozess zu durchlaufen, und am besten veranstalten wir sofort ne man hunt und schneiden denen die Eier ab, Männer gehören abgeschafft, so jedenfalls klingen manche sogenannte Feministinnen (allesamt weiß, cis, privilegiert). Ganz die geschäftige Femfluencerin hat Fritz übrigens mit ihrer Freundin die ehrlichleben Räume geschaffen, in denen sich Frauen in Seminaren mit ihrer toxischen Weiblichkeit auseinandersetzen können, neuerdings auch für Männer geöffnet, und ganz vielleicht bin ich hier gerade etwas sehr zynisch.

Aber mal ganz ehrlich: Wir erleben einen Genozid von trans Personen weltweit, und eine weiße Cisse kommt auf einmal auf den Trichter, dass sie ja Privilegien hat. Oh nein! Wie schlimm! Eure dicken cis Krokodilstränchen interessieren mich einen feuchten Furz. Je unwohler ihr euch fühlt, umso besser! Vielleicht fällt der Groschen ja irgendwann. Ja, ich finde Fritz’ Jammern pathetisch, sollte das noch nicht deutlich geworden sein.

Aber zurück zum Text.

Race spielt in »Toxische Weiblichkeit« quasi keine Rolle, das rassistische Trope der wütenden Schwarzen Frau wird sage und schreibe in genau einem Absatz erwähnt, während andere ganze Bücher darüber schreiben. Marginalisierte Geschlechter spielen keinerlei Rollen abgesehen von ein oder zwei signal virtuing »nonbinäre Personen« Drop, wenn es gerade zufällig passte, ohne darüber nachzudenken, was das eigentlich impliziert. Dadurch kommen dann auch so gruselige Konstrukte zustande, wie der Umstand, dass durchweg mit einem Doppelpunkt binär gegendert wird*, oder mein allseits gehasstes »FLINTA und Männer«. Ich schwöre, wäre ich nicht gerade im Büro gewesen, als ich das gelesen hatte, ich hätte das Buch mit einem wütenden Aufschrei im Affekt gegen die Wand gepfeffert. Bei Umberlee, ich nehm euch Cissen das FLINTA weg, ihr könnt damit ja ohnehin nicht verantwortungsvoll umgehen!

Die allermeisten genderqueeren Personen lehnen mittlerweile FLINTA als angeblich inklusiver Raum ab, da es in der Praxis in überwältigender Mehrheit für weiße cis Frauen steht, die in der Regel hetero, manchmal noch bi oder lesbisch sind, die dann so tun, als seien sie inklusiv, sind es aber nicht, denn alle anderen müssen sich outen, ansonsten gibt es shady side eyes, wenn eins dann doch mal zu männlich aussieht. FLINTA steht für: Frau, Lesbisch, Inter, Nonbinär, Trans, Agender. Jeder Mensch, der jetzt auch nur eine Sekunde darüber nachdenkt, kommt auf den Gedanken, dass es eben auch einige Männer einschließt, wenn sie inter und/oder trans sind. Weiße cis Frauen bezichtigen mich sehr gern als toxischen Men’s Right Activist, wenn ich ihnen sage, dass cis Männer bei FLINTA inkludiert sind, eben weil sie nicht einmal im Entferntesten auf die Idee kommen, dass Männer intergeschlechtlich und/oder trans sein könnten.

Trans Männer, inter Männer, Schwarze Männer, schwule Männer, behinderte Männer, neurodivergente Männer, arme Männer allesamt ohne wenn und aber als »Männer« in den gleichen Topf zu werfen wie einen Donald Trump, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeffrey Epstein, Christian Ulmen oder all diese anderen Lappen wie Frizze Merz oder dieser Alphakevin aus dem Internet und wie sie nicht alle heißen, ist halt einfach, ich kann es nicht anders sagen, ein Arschlochmove.

Die Sache ist die: Das Konzept der toxischen Weiblichkeit ist kein neues. Schwarze und trans Aktivist*innen reden schon viele, viele Jahre darüber, denn ja, weiße endo cis Frauen können und sind Täterinnen, obgleich sie sich sehr wohl in ihrer Opferrolle fühlen. Ich nenne das weaponized womanhood, und immerhin darauf geht Fritz ein, wenn sie davon spricht, dass Frauen sich aus ihrer Opferrolle emanzipieren müssen, statt ihren Status als Opfer des Patriarchats zu nutzen, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Auf Seite 132f. schreibt sie: 

Der Opferstatus ist so etwas wie ein sekundärer Krankheitsgewinn. Eigentlich ist die Krankheit etwas Schlechtes, aber man bekommt Aufmerksamkeit und hat dadurch gesellschaftlich mehr Wirkmacht, ein besseres Standing, wird anders behandelt und fühlt sich sicherer. Natürlich muss der sekundäre Krankheitsgewinn gemindert werden, im besten Falle, indem die Person die Anerkennung und die Aufmerksamkeit erlebt, die sie braucht, ohne dafür krank sein zu müssen. Das heißt, eigentlich bräuchten wir einen gesellschaftlichen Switch, in dem wir Frauen nicht erst dann zuhören, wenn sie den Opferstatus der systemisch Benachteiligten für sich beanspruchen. Da sind wir wieder beim Thema Gleichberechtigung: Wenn Frauen die gleichen Ausgangsbedingungen hätten wie weiße Cis-Männer (sic!), dann müssten sie sich nicht als Opfer darstellen. Dann würden sie einfach in Talkshows eingeladen werden, weil sie etwas zu sagen haben und das nicht noch über ihren Status als Opfer beweisen müssen.

Das ist ein extrem wichtiger Punkt, denn eine Menge toxischen Verhaltens von weißen endo cis Frauen gegenüber anderen marginalisierten Rollen entspringt exakt dieser zur Waffe gemachten Opferrolle. Leider wird Fritz an keinem Punkt in ihrem Buch komplexer und reflektierter als weiße cis Männer vs. Frauen. Sie hätte jetzt über white woman tears, Karens und die radfem Ideologie (und damit Rowling als einflussreichstes und prominentestes Beispiel) sprechen können. Sie hätte race, soziale Klasse, Behinderung und Neurodivergenz sowie Genderqueerness einbeziehen können und auch sich selbst wirklich kritisch hinterfragen können. Aber das tut Fritz nicht. Ironischerweise schreibt sie selbst auf Seite 175: »Stattdessen sollten wir einen Teil unseres feministischen Fokus dorthin lenken, wo wir selbst potenzielle Gleichberechtigung verhindern.« Wäre sie nur selbst mal so konsequent in dem, was sie sagt! Gleichberechtigung nur für vom Patriarchat eh bereits begünstigte weiße, endo cis abled Frauen aus gutem sozialen Standing also.

Auf Seite 133, nur ein paar Zeilen weiter, schreibt Fritz weiterhin: »Ich werte Opferrollen im öffentlichen Diskurs deshalb nicht als Symptom der toxischen Weiblichkeit, sondern als Mittel im Kampf um Gleichberechtigung.« An dieser Stelle verspürte ich kurz den Drang, in die Tischkante zu beißen.

Natürlich ist es ein Symptom toxischer Weiblichkeit! Weiße cis Frauen benutzen exakt diese Opferrolle, um marginalisierten Stimmen ihren Platz zu nehmen! Wie es mit diesem Buch geschieht!! Ich rast aus! Da hatte sie mal kurz einen guten Take und verballert selbst das! Eine Rowling versteht es hervorragend, ihre Opferrole gegen trans Personen auszuspielen und äußerst effektiv einen Genozid zu finanzieren, um nur ein Beispiel zu nennen. Nein, die Opferrolle ist kein Mittel im Kampf um Gleichberechtigung. Fritz hätte auf diesen Gedanken kommen können, hätte sie auch nur ein einziges Mal über den Tellerrand der weißen cis Frau hinausgeblickt.

Toxische Weiblichkeit ist, wie bereits erwähnt, kein neues Konzept und ist in intersektionalen Kreisen schon lange bekannt. Fritz verhält sich ironischerweise und ohne es zu merken selbst extrem toxisch, wenn sie es nun so darstellt, als hätte sie das Rad erfunden, indem sie bestimmte Verhaltensmuster ganz revolutionär als »toxisch weiblich« bezeichnet. Noch einmal: Allein das Konzept der white woman tears, definitiv ebenfalls ein Phänomen toxischer Weiblichkeit, ist nicht erst seit gestern bekannt. Im Interview mit der TAZ sagt Fritz: »Ich wollte den Begriff zurückholen und feministisch besetzen. Ihn nutzen, um Strukturen sichtbar zu machen, statt Ressentiments zu bedienen.«**

Von wem genau zurückholen? Von Schwarzen und trans Aktivist*innen, die bereits die gesamte intellektuelle Vorarbeit geleistet haben? Intersektionale Aktivist*innen sagen seit langem, dass weiße endo cis Frauen feministische Räume komplett für sich vereinnahmen und Intersektionalität verdrängen. Sie sagen seit langen, dass Cisgeschlechtlichkeit und eine weiße Hautfarbe extrem viele Privilegien mit sich bringen. Dann heißt es als Antwort immer nur, das sei jetzt schon etwas viel und eigentlich auch total misogyn, hier geht es immerhin um Frauenrechte und das sei viel wichtiger. Wenn jetzt aber eine Cisse exakt dasselbe wie all diese intersektionalen Aktivitst*innen sagt, klatschen plötzlich alle Beifall und bezeichnen ihr Buch über toxische Weiblichkeit als »mutig« und »provokant«. Mutig abgeschrieben und provokant andere Ideen als die eigenen ausgegeben oder was?

Es ist so typisch, dass irgendeine x-beliebige weiße Cisse daher kommt, sich die Lorbeeren klaut und als ihre ausgibt, um damit marginalisierten Personen die Bühne und das Mikrofon zu klauen. Es zeigt mal wieder, wem die Deutungshoheit gegeben wird über Bereiche, die sie vielleicht gar nicht oder nicht ausschließlich betreffen. BIPoC dürfen ausschließlich über race und Rassifizierung schreiben, genderqueere Personen über Gender, aber auch nur, wenn es um Transness geht. Und weiße cis Frauen dürfen sich einfach auf alle anderen feministischen Themen setzen und sich dort breit machen, selbst wenn sie nicht allein von bestimmten Lebensbereichen betroffen sind.

Das Buch befasst sich fast ausschließlich mit patriarchalen Strukturen und wie weiße cis Frauen diesen Folge leisten (Schönheitsideale, Begehrlichkeit, emotionale Verfügbarkeit ect.). Kein einiges Mal wird erwähnt, wie weiße cis Frauen mittels ihres Frauseins strukturelle Macht über andere ausüben, außer das eine Mal, als es darum ging, Männern ihre Fähigkeit abzusprechen, ihre Gefühle wahrzunehmen und sie regulieren zu können. Das kaut einfach Altbekanntes wieder und brandet internalisierte Misogynie als toxische Weiblichkeit um. Nichts davon hat einen Mehrwert, denn alles davon wurde bereits von anderen Feminist*innen viel ausführlicher und vor allem intersektionaler analysiert. Das vorliegende Buch eignet sich nicht einmal als Einstieg in feministische Theorie, denn dafür baut es trotz aller Unterkomplexität doch auf zu viele feministische Theorien auf und benötigt daher etwas Vorwissen und eine gewisse feministische Grundbildung. Also was genau ist das hier eigentlich?

Ein Unfall und reine Papierverschwendung, sage ich. Als Unterlage für mein wackelndes Tischbein würde es sich allerdings ganz gut eignen.


Wenn ihr stattdessen etwas mit Substanz lesen wollt, folgt hier eine keinesfalls vollständige Liste queerfeministischer und intersektionaler Literatur, die ich stattdessen empfehle:

- Alabanza, Travis: None of the Above: Reflections on Life Beyond the Binary

- Aydemir, Fatma & Yaghoobifarah, Hengameh (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum

- Bornstein, Kate: Gender Outlaw: On Men, Women and the Rest of Us

- Butler, Judith: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen

- Faye, Shon: The Transgender Issue: An Argument for Justice

- Gümüşay, Kübra: Sprache und Sein

- Hasters, Alice: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

- Hedayati, Asha: Die stille Gewalt: Wie der Staat Frauen alleinlässt

- Heyam, Kit: Before We Were Trans: A New History of Gender

- hooks, bell: The Will To Chance: Men, Masculinity, and Love

- Hornscheidt, Lann & Oppenländer, Lio: Exit Gender

- Lorde, Audre: Sister Outsider: Essays and Speeches

- Meyer, Lydia: Die Zukunft ist nicht binär

- Page, Elliot: Pageboy

- Roig, Emilia: Why We Matter

- Young, Eris: They/Them/Their: A Guide to Nonbinary & Genderqueer Identities



*Der Konsens ist derzeit in der Community, dass der Asterisk (das phöze Gendersternchen) benutzt wird, um zu entgendern, kein Binnen-I, kein Unterstrich, kein Schrägstrich und erst recht kein Doppelpunkt. Abgesehen davon, dass es zwei Punkte sind, wurde der Doppelpunkt explizit von Konservativen eingeführt, um eine fiktive Binarität des Geschlechts, Mann und Frau, zu unterstreichen.

**https://taz.de/Schriftstellerin-ueber-toxische-Weiblichkeit-Ich-werde-immer-mehr-zur-Bitch/!6112590/


 Potenzielle Trigger:

- SVV

- Patriarchale Gewalt

- Trans-, nb- und Interfeindlichkeit

 

Werbung nach §6 TMG

Reiheninformation

Autor*in: Sophia Fritz

Titel: Toxische Weiblichkeit

Sprache: Deutsch

Umschlagsgestaltung: zero-media.net

Reihe: Nein

Originalpreis: 14,99€

Verlag: Ullstein

Genre: Sachbuch, Essays

ISBN: 978-3-548-07319-4

Erscheinungsjahr: 2025

 

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