Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Sonntag, 29. April 2018

Rezension: Zähmung (Das Vermächtnis der Wölfe #1) von Farina de Waard


Mit »Zähmung«, dem ersten Band ihrer »Das Vermächtnis der Wölfe«-Reihe, schaffte Farina de Waard als Selfpublisherin ihren Durchbruch. Der Roman ist mit dem Indie-Autor-Preis gekrönt und konnte sich mittlerweile eine durchaus sehenswerte Fanbase aufbauen.

Sina wird völlig unerwartet von fremdartigen Wesen aus einer anderen Dimension entführt, gefangen gehalten und sogar gefoltert. Unerwartet erhält sie jedoch bei der Flucht Hilfe und kommt in einem kleinen abgelegenen Dorf unter, wo sie sich vor den Schergen der bösen Königin Zayda verstecken kann. Dort erfährt sie, dass sie eigentlich gar nicht aus Deutschland stammt, sondern aus Tyarul – und dass in ihr besondere Kräfte schlummern, die ihr im Kampf gegen Zayda helfen können.


Ich stehe dem Buch etwas ambivalent gegenüber. Ich las das Buch zusammen mit Anja von Mein Bücherregal und ich, und wir beide waren uns in vielen Punkten eigentlich sehr einig. Im Gegensatz zu ihr hat mich die Welt aber genug interessiert, dass ich mich durch gut dreiviertel unnützes Zeug durchkämpfte und die Reihe fortsetzen will.

Denn ja: Ich denke, man hätte locker dreiviertel des Romans quasi ersatzlos streichen können. Der Roman fängt superspannend und sehr rasant an: aus der Sicht der Gegenspieler, die Sina entführen wollen. Auch im Laufe der Geschichte erhalten wir immer wieder Gesichtspunkte aus Sicht Zaydas und ihrer Handlanger, was natürlich sehr interessant ist, wenn man beide Seiten sehen kann! Dann geht es weiter mit der Gefangenschafft und der spannenden Flucht. Und dann … versandet der Roman quasi bis zum Schluss völlig. Die Autorin nimmt komplett den Wind aus den Segeln und entfernt jegliche Dynamik, die den Lesefluss bisher vorangetrieben hat. Daran krankte auch schon Eragon 2, da hatten wir aber wenigstens noch Roran, der einen spannenden Plotverlauf hatte. Hier gibt es einen solchen Charakter nicht.

Stattdessen versacken wir knapp 500 Seiten lang in Ornanung, einem kleinen abgelegenen Dorf, wo Sina zufällig auf einen der letzten Magier stößt, der sie auch noch ausbilden kann, damit sie als Auserwählte der Prophezeiung gerecht werden und Zayda besiegen kann. Dabei erfahren wir, wie tollig Sina Steine mit ihrer Magie bewegen kann, und überhaupt ganz arg großartig ist, wie sie alles immer gleich und sofort und viel schneller als alle anderen kann. Aber damit sie nicht auf den allerersten Blick wie der Inbegriff der Mary Sue wirkt, hat sie natürlich auch »Fehler« und zwar solche, die so dämlich sind, dass man sich fragt, ob da zwischen ihren Ohren Hirnmasse oder doch nur Stroh ist. Da ist die Dorfgemeinde nämlich ziemlich gegen sie aufgebracht, und um sie sich wieder gewogen zu machen, hilft Sina jemandem, den die Dorfbewohner nicht leiden können. Sicher! Voll schlaue Idee!

Nein, ich mochte Sina nicht, und das ganze pupertäre Rumgezicke hat mich ebenfalls null interessiert. Abgesehen davon: Sie ist, wenn ich mich recht entsinne, 17 Jahre alt. Sollte man da nicht schon gerade darüber hinweg sein, wie ein frisch pupertierender Teenager alle anzuzicken und zu bocken wie ein kleines Kind?

Darüber hinaus gibt es noch ein paar Ungereimtheiten, über die ich nicht hinweg sehen kann. Fangen wir mit Zayda an. Ich hoffe von ihr, dass sie irgendwann in den nächsten Büchern noch mehr Tiefe bekommen soll; wie ich da so sehe, soll ohnehin ein Prequel zu ihr erscheinen. Denn eigentlich sind es doch die Bösewichte einer Geschichte, die die spannendsten Charaktere sind. Das Problem hier: Sie ist wie die rote Herzkönigin aus »Alice im Wunderland«. Stichwort: »AB MIT SEINEM KOOOOOPF!!!« Sie ist grausam, willkürlich und kommandiert alle herum, ohne selbst auch nur den kleinsten Finger krumm zu machen. Das ist einfach noch viel zu flach. Wenn man schon einen Roman, der auf 300 Seiten gepasst hätte, auf knapp 800 Seiten aufbläht, hätte man da sicher doch noch etwas mehr machen können, statt sich nur darauf zu fokussieren, wie voll toll Sina alles kann und wie speschölig sie ist.

Das führt zum nächsten Punkt: Zayda übt enormen Druck auf die Bevölkerung aus. Die Abgaben sind extrem hoch, die Bauern müssen beinahe zu viel abdrücken, als dass es noch für ihren Eigenbedarf reicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ewig ohne Revolution so weitergeht. Sicher, jetzt kommt der Stein ins Rollen. Aber eben erst jetzt, warum nicht schon viel eher? Nimmt man den Menschen ihre Lebensgrundlage, und das geschieht hier, wehren sie sich. Sollten sie jedenfalls. Hier jedoch halten alle den Kopf unten und sagen: »Ball flach halten und sich einfügen, dann passiert mir nichts.« Aber es passiert dir sehr wohl was! Dir wird deine Existenzgrundlage genommen! Und du willst den Ball flach halten und dich einfügen? Kann mir keiner erzählen, dass das Sinn macht!

Abgesehen davon sind das trotzdem sehr reiche Bauern, denn die haben anscheinend alle Schwerter und können kämpfen und haben überhaupt voll die Skills, um aus dem Nichts eine Revolution gegen Zayda aus dem Nichts zu stampfen. Welch Zufall!

Und dann noch die Sache mit der Prophezeiung. Ich mag Prophezeiungen nicht, weil sie meiner Meinung nach einfach nicht in einer guten Geschichte funktionieren können. So, Sina ist also die Auserwählte, die Zayda zu Fall bringen soll. So, und warum sollte ich den Roman jetzt weiterlesen? Weiß doch jetzt, wie es ausgeht. Das ist das Problem mit Prophezeiungen: Sie nageln die Geschichte zu sehr fest. Wenn es so eine Sache in einem Nebensatz wie bei Glorfindel und dem Hexenkönig ist*, okay. Aber einer Prophezeiung einen so zentralen Raum zu geben, halte ich einfach für keine gute Idee, da sie einer Erzählung den Wind aus den Segeln nimmt – Wind, der hier ohnehin schon eher einer Flaute gleicht als alles andere. Es sei denn, es gibt Bad Ends …

Apropos Flaute: Normalerweise geschieht im, sagen wir mal, ersten Drittel eines Romans das, was den Plot so richtig zum Laufen bringt. Das passiert hier literally auf den letzten Seiten. Entführung schön und gut, aber das allein ist nicht der Plot. Der Plot soll sein, dass Zayda gestürzt wird, und dahingehend passiert in diesem Roman quasi nichts, das von sonderlich großem Interesse ist. Ausbildung Sinas hin oder her, aber es liest sich nun mal einfach nicht spannend.

Und trotzdem hat der Roman etwas an sich, der mich hoffen lässt, dass das alles noch mehr Substanz bekommt, besonders in Bezug auf Zayda und Sina. Ich will irgendwie nicht glauben, dass Zayda wirklich nur die platte Bösewichtin ist, die sich nur darüber definiert, dass sie alles kaputt machen will. Da hat auch Sauron mehr Substanz (lest das Silmarillion, Leute! Sauron ist cool!). Und bei Sina will ich nicht wahr haben, dass sie nun die Auserwählte ist und deswegen alles rockt und damit endet die Geschichte. Sie hat nämlich durchaus ihre guten Momente. Auch ihre schlechten, das auf jeden Fall, und die nerven echt total! Aber mir gefällt es nämlich durchaus, wie sie auf die Erkenntnis reagiert, dass sie die Auerwählte sein soll. Sie zeigt zunächst durchaus depressive Symptomatik deswegen und will nicht einsehen, dass sie ihr Leben für ein für sie wildfremdes Land wegwerfen soll. Man muss bedenken: Sie kommt aus Deutschland und führte bis dahin ein völlig normales Leben wie du und ich. Jetzt stell dir vor, du wirst in eine Fantasywelt entführt, bekommst ein Schwert in die Hand gedrückt und sollst die böse Königin töten, die das ganze Land unterjocht. Nicht so geil, oder? Und das hat die Autorin durchaus sehr gut dargestellt.

Ich lese an und für sich sehr gern Settings, in denen unsere Realität auf ein beliebiges Fantasysetting trifft, weil das immer sehr spannende Kulturfragen aufwirft. Ich vermisse jedoch grundsätzlich, und so auch hier, die Sprachproblematik. Stell dir vor, du fährst über die Grenze deines Heimatlandes. Die Allermeisten werden sich nicht so ohne weiteres verständigen können, da es mehr oder minder große Sprachdifferenzen gibt, sei es, weil man die Landessprache nicht oder nicht fließend beherrscht, sei es, weil das gegenüber die eigene Sprache nicht oder nicht fließend beherrscht oder sei es, weil die im Gespräch Beteiligten die Lingua Franka nicht beherrschen. Kommunikation wird meist möglich sein, aber es ergeben sich doch Sprachbarrieren. Und das sind meist Sprachen, die seit vielen Generationen miteinander im Kontakt standen und gegenseitigen Einfluss aufeinander ausübten! Schaut man sich einmal einen beliebigen Text aus dem deutschsprachigen Mittelalter oder der frühen Neuzeit an, sieht man, was nur wenige Hundert Jahre mit der eigenen Sprache machen. Der letzte Kontakt zwischen Tyarul und unserer Welt ist mehrere hundert Jahre her, der Austausch also sogar nur von begrenzter Dauer und das zudem in einer Zeit, in der sich die jeweiligen Sprachen zudem merklich von der zurzeit gesprochenen unterscheiden dürften. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich durchdenke das alles wieder einmal zu sehr und wünsche mir wenigstens die Grundlagen der Linguistik in Fantasy-Romane. Warum stößt Sina auf keinerlei Sprachprobleme und kann sich problemlos mit allen verständigen? Bis auf gelegentliche Ausbrüche von »okay« und »cool«, die mir passend erscheinen, merkt man anhand der Sprache kein bisschen, dass da zwei völlig unterschiedliche Sprachsysteme aufeinander prallen.

Abgesehen davon finde ich aber, dass es sehr schön umgesetzt wurde, wie da die beiden Kulturen aufeinander prallen. Leider artet so etwas auch oft in Fremdschämen aus, was hier aber damit umgangen wurde, dass Sina durch die Folter einen Gedächtnisverlust erlitt (ob der nur temporär ist? Soll es ja geben), sodass sie sich kaum an ihr Leben in unserer Welt erinnern kann. Dadurch sind Differenzen der Kulturen eher dezent gehalten, was sich angenehm in den Roman einfügt.

Zusammengefasst heißt das: Ich habe durchaus Hoffnung, dass sich das alles gut entwickeln kann. Der erste Teil hätte jedoch eine radikale Kürzung gut vertragen können, mit dem neben der extremen Langatmigkeit auch viele seiner weiteren Schwächen beseitigt worden wären. So zum Beispiel der plakative Charakter von Zaydas Boshaftigkeit oder Sinas offensichtlichen Dasein als Mary Sue. Alles in allem fühlt sich das alles mehr wie der Auftakt zu einem Roman an statt dem Auftakt einer Reihe und einem vollständigen ersten Roman.


*Glorfindel, ein Elbenfürst aus Tolkiens Mittelerde, prophezeite beim Fall des Hexenreiches von Angmar, dass der Hexenkönig von keines lebenden Mannes Hand getötet werden könne, was dann auch so kam. Éowyn ist schließlich kein Mann. Diese Prophezeiung ist ein Detail, das nur ganz am Rande erwähnt wird und wer die Anhänge nicht kennt, weiß auch gar nicht, dass diese Prophezeiung überhaupt existiert. 



Werbung nach §6 TMG
Reiheninformation
Autor: Farina de Waard
Titel: Das Vermächtnis der Wölfe: Zähmung
Sprache: Deutsch
Umschlagillustration: Farina de Waard
Reihe: Band 1
Seiten: 788
Originalpreis: 13,90€
Verlag: Fanowa Verlag
Genre: Fantasy
ISBN: 978-3-945073-00-1
Erscheinungsjahr: 2013

Weitere Rezensionen

Kommentare:

  1. Guten Morgen!

    Also ich war ja schon seit dem ersten Anblick von diesem wunderschönen Cover fasziniert und letztes (oder vorletztes?) Jahr hab ich es dann auch mit dem Buch probiert, aber ich muss gestehen, dass ich es doch relativ schnell abgebrochen hab. Ich fand den Anfang schon sehr zäh und hatte nicht den Eindruck, dass es in Schwung kommt.
    Allerdings hatte ich mir vorgenommen, es irgendwann nochmal damit zu probieren, weil manchmal passt ja einfach der Zeitpunkt und die Lesestimmung nicht. Es hört sich jetzt aber bei dir nicht so an, als ob sich das bessert. Dass es streckenweise etwas langatmig ist hab ich ja schon in anderen Rezensionen gelesen; ich denke, ich werd es mir nochmal überlegen ...

    Danke für deine ehrliche Meinung!

    Liebste Grüße, Aleshanee

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo,
      Das Cover ist echt sooo toll! <3 Da hat die Autorin echt was drauf, bin auch total verliebt in das Cover. Leider macht das den Inhalt nicht besser. Ich fand's echt schade, weil da durchaus ein paar gute Dinge drin sind. Ich hoffe auf Teil 2, den werde ich mindestens noch lesen.
      Liebe Grüße

      Löschen