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Jugendromane und Contemporary sind nicht unbedingt mein
Hauptlesegebiet. Gleichzeitig halte ich aber stets nach Romanen Ausschau, die
psychische Krankheiten thematisieren. Da konnte wohl auch ich nicht um »Was ist
schon normal?«, Teil 1 des Spinster Clubs, von Holly Bourne herumkommen. Zumal
sich die Reihe und auch dieser Band mit feministischen Themen im Kontext des
alltäglichen Lebens einer Jugendlichen auseinandersetzt.
»Wir sind stark, wir lassen uns nichts sagen und küssen
trotzdem. Wir sind die Spinster Girls!
Alles, was Evie will, ist normal zu sein. Und sie ist schon
ziemlich nah dran, denn immerhin geht sie wieder zur Schule, auf Partys und hat
sogar ein Date. Letzteres entpuppt sich zwar als absolutes Desaster, dafür aber
lernt sie dadurch Amber und Lottie kennen, mit denen sie den Spinster Club
gründet. Doch schafft sie es auch, mit ihren neuen Freundinnen über ihre
Krankheit zu sprechen?«
(Quelle: Goodreads)
Ich glaube, ich habe das halbe Buch mit kleinen Klebezetteln
gepflastert, einfach weil ich bei so vielen Passagen nur zustimmend nicken
konnte und mir dachte: »Ja, genau so ist es!« Eben weil ich dieselben
Erfahrungen gemacht habe und immer noch mache. Einfach weil das auch für mich
zutrifft, obwohl ich nicht wie die Protagonistin Evie an einer Zwangsstörung
sondern einem anderen Krankheitsbild leide.
»Weil, ganz schlicht, die Leute es trotz all dieser guten Ansätze einfach – nicht – kapieren.
Psychische Erkrankungen packen dich am Bein und verschlingen dich trotz aller Gegenwehr mit Haut und Haaren. Sie machen dich selbstsüchtig. Sie machen dich irrational. Sie verpassen dir einen Tunnelblick. Sie machen, dass du in letzter Minute Verabredungen absagst. Sie machen dich langweilig. Sie machen, dass seine Gesellschaft wahnsinnig anstrengend wird.
Und nur weil Leute jetzt die richtigen Worte kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie besser mit den Verhaltensweisen umgehen können. Sie lächeln und sagen, ja, ich hab’s im Fernsehen gesehen, du Arme. Und dann werden sie richtig sauer, wenn man auf einer Party einen Panikanfall kriegt und früher gehen muss. Wenn sie tatsächlich Verständnis zeigen müssen, sagen sie Klassiker wie ›Komm schon, streng dich ein bisschen an‹, oder ›So dramatisch ist es jetzt auch nicht‹, oder ›Aber das ist doch völlig unlogisch‹ – und ruinieren damit ihr ganzes Handgetätschel und Getröste.« (S. 91 f.)
Es macht mich schon wütend, wenn ich diesen Absatz einfach
nur abtippe, weil eben das gelebter Alltag aller psychisch erkrankten Menschen
ist. Und der wird hier knallhart gezeigt. Es wird gezeigt, was solche Menschen
alles auf sich nehmen, welche Masken sie aufsetzen und welche Tänze sie
aufführen, nur um »normal« zu erscheinen und angepasst zu sein, um ja nicht
schon wieder wie schon viel zu oft stigmatisiert zu werden. Es ist grausam.
Evie und ihre Freundinnen sind keine dummen Mädels. Sie
haben Grips im Kopf, denken nach, durchdenken
die Dinge und erkennen, wenn etwas schief läuft. Sie setzen sich für den
Feminismus ein und sprechen damit auch zahlreiche feministische Themen auf. Es
wird somit auch unter anderem erklärt, was der Bechtel-Test ist und wie er auf
reale Beispiele angewandt aussehen kann. Sie erkennen sexistische Strukturen
ihres Umfeldes und sprechen diese gemeinsam durch und decken auf.
Am Ende gibt es auch eine Szene, in denen die beiden Themen,
Feminismus und psychische Krankheiten, miteinander verbunden werden, was
ebenfalls sehr interessant ist. Und es bleibt natürlich die Frage, was denn nun
normal sei. Denn nichts mehr wünscht sich Evie in ihrem Leben. Ohre ihre
Krankheit, ohne das Fluoxetin. Einfach nur sie selbst sein.
Wobei ich an dieser Stelle erwähnen muss, dass
Psychopharmaka und vor allem Antidepressiva den Charakter nicht verändern, wie
Evie immer wieder klagt, wenn sie sich fragt, wer sie ohne die Medikamente
wäre. Ohne diese wäre sie ihre Krankheit. Solche Medikamente helfen vielmehr,
wieder den eigenen Charakter hervorzusuchen, der von der Erkrankung
verschlungen wurde.
»›Jeder wandelt ständig am Abgrund des Normalseins. Jeder empfindet manchmal sein Leben als den totalen Albtraum, und es gibt keinen ›normalen‹ Weg, damit umzugehen.‹« (S. 394)
Solche Gedanken, endlich wieder normal zu sein ohne diese
scheiß Krankheit, das kenne ich nur zu gut. Ein normales Leben, eine normale
Familie. Aber ja, was ist schon normal? Ein Konstrukt wie viele andere
gesellschaftliche Normen, die selten auf wirklicher Rationalität aufbauen.
Und dennoch boxen sich die Spinster Mädels durch, sind
trotzdem ganz ordinäre Teenager Mädchen mit all den Teenagerproblemen, die man
so kennt. Jungs sind natürlich auch ein Thema bei ihnen, und sie erkennen ganz
zu Recht, dass sich das mit ihrem feministischen Club der Spinster Girls auch
gar nicht beißen muss. Schließlich geht es beim Feminismus um die
Gleichberechtigung beider Geschlechter.
Nun, ehe ich noch länger um den heißen Brei herumrede: ein
absolut empfehlenswertes Buch, das zwei brandaktuelle Themen auf wunderbare
Weise miteinander verbindet! Sowohl der Feminismus als auch psychische
Krankheiten sind Themen, mit denen jede*r von uns früher oder später in
Berührung kommt. Ich meine: Wir alle haben eine Psyche, daher sind wir auch
alle von psychischer Gesundheit betroffen! Was dort als »gesund« und was als
»krank« gilt ist ebenso eine fließende Gratwanderung wie die Normalität.
Mögliche Trigger
- Zwangsgedanken & depressive Gedankenmuster
- psychische Erkrankung (Zwangserkrankung/OCD)
- Selbstverletzendes Verhalten
- Alkoholmissbrauch
- Sexismus
Werbung nach §6 TMG
Reiheninformation
Autor*in: Holly Bourne
Titel: The Spinster Club – Was ist schon normal?
Sprache: Deutsch
Übersetzung: Nina Frey
Umschlagillustration: Katharina Netolitzky
Reihe: Band 1
Seiten: 415
Originalpreis: 10,95€
Verlag: dtv
Genre: YA / Contemporary
ISBN: 978-3-423- 71797-7
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