Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Podcast

Ich bin zusammen mit einer Freundin unter die Podcaster gegangen. Wir quatschen rund um SFF und unsere wolligen Projekte. Zum Podcast geht es hier entlang!

Freitag, 16. März 2018

Lesung: »Dass ich ein Depp bin, hat nichts damit zu tun, dass ich Fantasy lese.« - Die Seraph Lesung auf der LBM 2018

v.l.n.r.: Oliver Graute, Michael Marrak, Natalja Schmidt, Berhard Hennen, Kai Meyer, Markus Heitz, Theresa Hannig, Janna Ruth, Christian von Aster

Alle Jahre wieder wird der Seraph auf der Leipziger Buchmesse verliehen, der Phantastik-Preis der Phantastischen Akademie e.V., und im Anschluss dürfen die Gewinner zusammen mit den Großen der deutschen Phantasik ihre Lesungen vortragen. Dieses Jahr gab es endlich mehr als genug Platz für alle, denn es hieß: raus aus der arg kuscheligen Schille und hinein ins Werk 2! Das Werk 2 bot mehr als genug Platz für die zahlreichen Zuschauer, sodass niemand hinter der Bühne stehen (ich erinnere mich an mein Erlebnis von vor zwei Jahren, war nicht schön) oder gar weggeschickt werden musste. Natalja Schmidt und Oliver Graute führten die Zuschauer und Autoren durch einen wunderbaren Abend.



Den Reigen eröffnete Kai Meyer mit seinem zweiten Band seiner, so er, »wahrscheinlich« Trilogie »Die Krone der Sterne - Hexenmacht«. Der Abend ist straff durchgetaktet: 10 Minuten dürfen alle Autoren lesen, danach dürfen sie drei Fragen beantworten. »Und dann schweigt er für immer«, droht Graute den Zuhörern an, als Kai Meyer sich als erstes stellen muss.


Er habe noch nie eine Schreibblockade durchlitten, eröffnet uns Meyer auf eine Frage diesbezüglich: »Ich glaube nicht so wirklich an eine Schreibblockade.« Physische oder psychische Hemmer gäbe es natürlich, beispielsweise im Krankheitsfall oder während einer Trauerphase, das sei aber nicht die, wie er sich ausdrückt, etwas romantisierte Form, die man im Allgemeinen unter Schreibblockade verstehe. »Schreiben ist vor allem ganz viel Selbstdisziplin«, erklärt er. Man muss sich hinsetzen und es wirklich wollen. Wenn man nicht schreibt, so sei es eher ein nicht-Wollen als eine Schreibblockade. Auch er müsse sich an manchen Tagen durchaus dazu zwingen, die ersten Seiten zu schreiben, aber danach ginge es meist wie von selbst, berichtet er uns.

Auf eine weitere Frage hin, ob er beim Beginn des Schreibens schon das Ende kenne, meint er, dass er nicht das Ende kenne, aber ein Ende. Und er führt weiter aus, dass er zu der Gruppe Autoren gehört, die vor dem Beginn des Schreibens sehr viel Zeit auf das Planen und Durchstrukturieren des Romans verwenden. Das schließt Änderungen während des Schreibprozesses zwar nicht aus, aber so hat er, bevor er mit dem eigentlichen Schreiben beginnt, schon ein sehr genaues Bild des Romans, der am Ende entsteht.

Die letzte Frage erkundigt sich nach seinen Inspirationen. »Was der heutige Kai mag, kommt vom zwölfjährigen Kai«, antwortet er. Vieles von dem, was ihn inspiriert, komme aus seiner Kinder- und Jugendzeit, als gerade Star Wars und Co. im Kommen waren. »Ich versuche, wieder zu dem naiven Fan zu werden.« Dazu liest er viele Comics und Romane aus der Zeit und schaut alte Filme, nimmt daraus Elemente, die ihm gefallen, und versucht, diese unserer Zeit gemäß in seine Romane einzugliedern.


Und nun darf er schweigen und Jana Ruth betritt die Bühne. Sie ist die erste Seraph Preisträgerin des Abends in der Kategorie Bester Indipendent Titel für ihren Roman »Im Bann der zertanzten Schuhe«, eine Märchenadaption des Grimmmärchen »Die zertanzten Schuhe«. Bei Märchen horche ich natürlich auf. Die junge Autorin ist zunächst ganz verständlicherweise etwas nervös, aber anscheinend legt sich das recht bald und dann trägt sie in angenehmer Weise eine Stelle aus ihrem Buch vor. Auch sie darf drei Fragen beantworten, es kommen jedoch keine und sie macht Platz für die nächste Autorin des Abends. Eine schöne Lesung aus einem Roman, der mich neugierig gemacht hat, wenn auch nicht das Highlight des Abends. Allerdings liegt die Messlatte dieses Mal auch sehr hoch, denn es folgen noch einige wirklich exzellente Lesungen wie zum Beispiel die nächste.


C.E. Bernard betritt die Bühne, eine junge, energetische Dame, die uns ihre Debütroman »Palace of Glass - Die Wächterin« mitgebracht hat und mit diesem ebenfalls ihre Debütlesung bestreitet. Ihr Roman hat einen etwas ungewöhnlichen Werdegang, den sie uns zunächst schildert. Sie schrieb mit Anfang zwanzig ihren ersten Roman, ein wahres Herzensprojekt. Das einzige Problem: Niemand wollte ihn. Aber sie ließ sich davon nicht unterkriegen und schrieb einen weiteren Roman, dieses Mal jedoch auf Englisch. Sie bot ihn einigen Londoner Agenturen an, da diese die Romane immer weltweit weitervermitteln. Und wer schlug zuerst zu? Ausgerechnet ein deutscher Verlag! Nun trägt sie also ihre eigene Worte vor, jedoch nicht im Original, sondern in der Übersetzung. Mit Souveränität und viel Elan trägt sie den Beginn ihres Romans vor und legt dabei einiges Können an den Tag. Vor allem für eine allererste Lesung beeindruckt dies sehr! Auf die anschließende Frage hin, ob man den Roman denn auch auf Englisch werde lesen können, meinte Bernard grinsend, dass sie dazu noch nichts sagen dürfe - eine doch recht eindeutige Antwort.


Weiter geht es mit Bernhard Hennen und seinem neuen Roman »Die Chroniken von Azuhr - Der Verfluchte«. Obgleich als »lesefauler Autor« verschrien, liest auch er aus dem Roman und beginnt mit einem abgetrennten Pfauenkopf. Na lecker! Aber selbst das trägt er in seiner üblichen ruhigen Art vor, der man sehr angenehm zuhören kann. Ob seine Vorträge als ASMR geeignet sind? Auch er darf sich im Anschluss den drei Fragen stellen. Die erste Frage ist fast länger als seine Antwort, aber nur fast! Ob denn auch etwas von den Elfen in seinem neuen Roman sei, auch wenn dieser ja völlig anders sein soll, fragt da ein Fan in sehr ausschweifenden Worten. Natürlich sei das nicht auszuschließen, antwortet Hennen, und wer ihn kenne, wisse, dass er gern immer mal wieder kleine Zitate einbaue. Er schweift weiter aus und berichtet uns von einem Studienkollegen, ein Geophysiker, welcher ihm auch dieses Mal wieder beim Weltenbau half und stolz darauf ist, zu ihren Studienzeiten die wahrscheinlich erste Welt entworfen zu haben, die Karten zu Tiefseegräben und Platentektonik besitzt. Was natürlich auch den Zuschauern ins Auge sticht: Das Schwert auf den Cover fehlt! Auch Hennen zeigt sich erfreut darüber, dass dieses kleine Klischee nun endlich beseitigt sei, auch auf seinen neuen Covern für die Bücher, die er zusammen mit Robert Corvus schreibt; deren Cover wurden, das am Rande, von Kerem Beyit gestaltet, einem meiner Lieblingsillustratoren.


Nun begrüßt uns Theresa Hannig, Gewinnerin des Seraph für Bestes Debüt. Aber bevor sie uns ihren Roman »Die Optimierer« vorstellt, heißt es: Bitte einmal lächeln! Aber mit dem Rücken zu ihr. Aus datenschutzrechtlichen Gründen. Ein ziemlicher Spaß, bei dem man auf einer Lesung auf jeden Fall im Gedächtnis bleibt!
Mit vollem Körpereinsatz liest sie danach, inszeniert regelrecht ihre Charaktere und bringt das Publikum mit ihren witzigen Texten passend vorgetragen zum Lachen. Da wird dann auch einmal energisch auf den Tisch gehämmert, um dem Gesagten mehr Nachdruck zu verleihen. Gleich im Anschluss sichert sich Oliver Graute die erste Frage: Was sie denn mit den 2000€ Preisgeld mache, will er wissen. Hannig überlegt kurz und meint dann: »Zum Aldi gehen und einkaufen.« Ein weiterer Zuschauer fragt, ob sie denkt, dass unsere Zukunft wirklich so aussieht, wie sie es in ihrem Roman schildert. Sie hofft nicht, meint sie, fügt aber an, dass sie ziemlich geschockt war, als sie hörte, dass in China bald so etwas tatsächlich eingeführt wird. In zwei Jahren wird dort ein System eingeführt, das die Menschen danach bewertet, wie sie an die Gesellschaft angepasst sind, was sich auf die ihnen zustehenden Sozialleistungen auswirkt. Damit ist dann auch schon ihre Zeit rum und sie räumt die Bühne für den nächsten Akteur des Abends. Alles in allem erscheint Theresa Hannig als eine sehr sympathische Autorin, die uns einen sehr spannend klingenden Roman vorstellte!


Natürlich darf einer auf der Leipziger Buchmesse nicht fehlen, und das ist Markus Heitz - der erst einmal vom Gemüse aka der Blümchendeko angegriffen wurde, die ihm Oliver Graute ins Gesicht streckte, als Heitz feststellte, dass er aus »Die Klinge des Schicksals« doch lieber am Tisch lesen würde, da stehe so schöne Deko. Man kennt ihn ja, den Heitz, wie er so seine Sprüche ablässt und seine Witzchen macht und seine Lesungen abhält. Und so darf ein Standardspruch natürlich auch nicht fehlen. Denn wie es mit seinem Roman weitergehe, könne er aus dramaturgischen Gründen nicht verraten. Das Buch jedenfalls klingt sehr interessant, und gealterte Protagonisten, die trotzdem noch ihren Mann oder ihre Frau stehen, hat man ja im Allgemeinen eher selten. Niemand zwinge ihn zum Schreiben, sagt Heitz im anschließenden Gespräch, er schreibe freiwillig so viel und könne noch mehr, hätte er die Zeit dazu. Allerdungs zwinge er die Verlage, seine Bücher zu verlegen, fügt er mit einem Augenzwinkern an. Was er denn so in seiner Freizeit lese, will ein Zuhörer wissen. Heitz beichtet uns, dass er gar nicht mehr so viel liest, und wenn, dann nichts, das mit seinen Büchern zu tun hat. Will heißen, keine Genreliteratur, kein Horror, keine Fantasy, kein Science Fiction, sondern komplett anderes Zeug. Aber auch Heitz sind nur drei Fragen gegönnt, und so ist nun auch der nächste Autor dran.


Michael Marrak hat mit seinem Todschlägerroman »Der Kanon mechanischer Seelen« den Seraph für das Beste Buch gewonnen. Nach einer so exzellenten Lesung wie der Heitz' ist es jedoch schwer, da noch mitzuhalten und so wirklich enthusiastisch ist der Vortag des Autoren nicht. Teils zieht er mit dem Tempo ziemlich an und das Mikro tut seinen Lippengeräuschen auch nicht gerade gut, indem es diese überbetont. Trotzdem: Es bessert sich mit der Zeit und die Lesung wird interessanter, was auch teils dem Buch geschuldet ist. Der Kanon mechanischer Seelen scheint ein Roman zu sein, den man durchaus auf dem Schirm haben sollte, das Thema klingt sehr ansprechend und die gelesene Textstelle entlockt dem Publikum so einige Lacher.


Ein verrückter Typ, der Christian von Aster, der mit »Der Orkfresser« den Abend beschließt! »Christian, auf dich kann man nicht vorbereitet sein!«, zitiert er eine mitleidige Dame, die es einmal mit ihm zu tun bekommen hatte. Eine Androhung, die er wahr macht. Normalerweise reichen zehn Minuten gerade einmal, dass er sich die Schuhe ausgezogen habe, beichtet der Autor uns. Und da soll er auch noch lesen?! Schuhe wurden zwar an dem Abend nicht ausgezogen (»Nein!«, erschallt der laute Ruf eines geplagten Fans aus den Zuhörerreihen, als von Aster darauf zu sprechen kommt), aber es wurde dann doch etwas aus dem Roman gelesen. Und auch wenn zehn Minuten beileibe nicht reichen, um den ganzen Wahnsinn dieses Buches vorzustellen, so hatten wir alle doch eine Menge Spaß dabei. »Klatschen kostet Zeit, das machen wir nachher komprimiert«, würgt von Aster das Publikum ab, nachdem es nach gefühlt jedem zweiten Satz in Lachstürme ausbricht. Und so dürfen wir von Menschen erfahren, die mit Kartoffeln reden, und von allerhand verrücktem Zeug mehr. Gewitzt fragt ein Fan, ob von Aster denn noch mehr lesen könne. Er würde hier vom Publikum ausgequetscht bis auf den letzten Tropfen, beschwert sich von Aster in seiner liebenswürdigen und humorvollen Art, er würde jetzt alles, was er vorhin noch lobend über die Phantastik-Szene sagte, zurück nehmen. Dass er ein Depp sei, habe nichts damit zu tun, dass er Fantasy lese, beschließt er den Abend.

Und was für ein Abend es war. Es waren eine Menge tolle Lesungen dabei, wo ich schon deutlich schlechtere erlebt hatte, und auch die Bücher klingen alle durch die Bank weg sehr interessant. Alle sind auf meine Liste gewandert und ich freue mich, dass viele neue Bücher dabei waren, die ich vorher noch gar nicht auf dem Schirm hatte.


Die Veranstaltung: Fantasy Leseabend im Werk 2, Moderation: Oliver Graute & Natalja Schmidt, Werk 2, 15.3.2017, 19.30 Uhr
Die Bücher: Kai Meyer: Die Krone der Sterne - Hexenmacht. FISCHER Tor, Frankfurt a.M. 2018, 480 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 12,99 Euro
Janna Ruth: Im Bann der zertanzten Schuhe. Nova MD, Vachendorf 2017, 316 Seiten, 12,99 Euro, E-Book 3,99 Euro
C.E. Bernard: Palace of Glass - Die Wächterin. Penhaligon, München 2018, 416 Seiten, 14,00 Euro, E-Book 4,99 Euro
Bernhard Hennen: Die Chroniken von Azuhr - Der Verfluchte. FISCHER Tor, Frankfurt a.M. 2017, 576 Seiten, 16,99 Euro, E-Book 14,99 Euro
Theresa Hannig: Die Optimierer. Bastei Lübbe, Köln 2017, 304 Seiten, 10,00 Euro, E-Book 8,99 Euro
Markus Heitz: Die Klinge des Schicksals. Knaur HC, München 2018, 576 Seiten, 16,99 Euro
Michael Marrak: Der Kanon mechanischer Seelen. Amrûn Verlag, Traunstein 2017, 750 Seiten, 24,99 Euro, E-Book 6,99 Euro
Christian von Aster: Der Orkfresser. Klett Cotta/Hobbit Presse, Stuttgart 2018, 345 Seiten, 14,95 Euro, E-Book 11,99 Euro

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen