Denn ich fresse nicht nur Jungfrauen!

Mittwoch, 14. September 2016

Rezension: Fantasy schreiben & veröffentlichen von Sylvia Englert

Gerade unter Lesern der Fantasy ist es weit verbreitet, auch einmal selbst die Feder statt dem Schwert zu schwingen – wahlweise auch die Tastatur des Rechners zu malträtieren. Schreibratgeber gibt es wie Sand am Meer, einer davon mit Fokus auf Fantasy stammt von Sylvia Englert und lauscht auf den etwas sperrigen Namen „Fantasy schreiben & veröffentlichen: Phantastische Welten und Figuren erschaffen“. 

Ich muss ganz ehrlich sagen: Es war mein erster Schreibratgeber, den ich jemals in meinem Leben zu Rate zog, obwohl ich selbst seit Jahren meine Textlein tipsel, weil ich bisher nicht wirklich viel von diesen Ratgebern hielt. Sie waren mir zu starr, zu eingleisig. Ich war im Nachhinein ganz froh, dass ich dennoch aus Neugierde mal zu diesem griff und einen Blick hinein warf. Nicht selten nickte ich wissend oder zustimmen oder machte ein erstauntes Gesicht, als ein Aha-Effekt einsetzte.

Englert geht systematisch vor und fängt beim Genre an, geht über die ersten Anfänge und das eigentliche Schreiben hin zum Veröffentlichen, was mit Sicherheit der logischste Aufbau ist. Mir fiel dabei der umfangreiche Teil zu den Subgenres der Fantasy positiv auf, da es mitunter gerade für den Laien schwer sein kann, das alles klar voneinander zu trennen – und mitunter ist es selbst für den Fachmann gar nicht so einfach, ein Buch eindeutig einem Subgenre zuzuordnen.

Sie thematisiert dabei nicht nur Bücher für Erwachsene, sondern auch All Age und Kinderbücher und gibt für alles ein paar gute Faustregeln, welcher Inhalt zu welcher Altersgruppe passt. Mir persönlich hat bei den Kinderbüchern jedoch gefehlt, dass ein gutes Kinderbuch immer auch ethnische und moralische Werte transportiert und das altersgerecht verpackt. Es gibt meiner Meinung nach nichts schlimmeres, als irgendwelche „Abenteuerromane“, die Kinder vielleicht total cool finden mögen, in denen die Protagonisten aber ständig irgendwelche Streiche spielen und anderen Unfug anstellen. Kann man machen, keine Frage, hat aber keinen nennenswerten Mehrwert und sorgt im schlimmsten Falle noch dazu, dass die jungen Leser selbst dazu angestiftet werden.

Dennoch: Da ich selbst bereits zumindest ein bisschen Schreiberfahrung besitze, hatte ich zumindest eine gewisse Ahnung, was hinter all den Tipps und Anregungen steht. Sehr befürworten konnte ich nur, als die Autorin ansprach, wie wichtig es ist, selbst viel und aufmerksam zu lesen. Auch schlechte Literatur, um sie zu analysieren, was man hätte besser machen können, um es selbst besser zu machen – und um ein wenig das Ego zu pushen. Das ist meiner Meinung nach der wichtigste Tipp, den man beim Schreiben geben kann. Ich bin selbst Autodidakt und habe mir das Schreiben quasi ausschließlich über diesen Weg beigebracht.

Aber man lernt schließlich nie aus und selbst für erfahrenere Schreiberlinge hat Englert noch einige Kniffe im Ärmel. Mir gefiel die Schreibübung sehr, bei der man sich Karteikärtchen mit verschiedenen Farben zulegt. Auf jede schreibt man einen Begriff, zieht anschließend von jeder Farbe eine Karte und versucht dann, aus den Begriffen eine sinnvolle Geschichte zu basteln.

Englert hat in ihrem Buch zahlreiche Zitate aus Interviews mit Autoren und Mitarbeitern der Verlagsbranche eingebaut, die ihre Aussagen sowohl untermauern als auch weiter illustrieren und ausbauen. Zudem führt sie verschiedenste Fallbeispiele aus aktueller Literatur an. Ich persönlich mochte die drei Beispielexposés besonders, und da ich zumindest „Grauwacht“ auch bereits kannte, hatte mir dieses Wissen sehr geholfen, endlich mal ein gutes Bild zu bekommen, wie so ein Exposé aussehen kann. (Zugegeben: Ich hatte mich bisher nie weiter damit befasst.)

Der letzte Teil des Buches, in dem es um die Veröffentlichung geht, hat mich ehrlich gesagt etwas eingeschüchtert. Klar, von nichts kommt nichts, aber irgendwie hoffe ich als sehr menschenscheue Person dennoch, dass ich nicht von mir aus auf die Leute zugehen muss. Englert hebt nämlich hervor, wie wichtig es als Newcomer ist, Networking zu betreiben, und damit hat sie ganz sicher Recht. Nur wäre an dieser Stelle vielleicht etwas mehr Ermunterung für introvertierte Personen ganz angebracht.

In ihrem Buch finden sich immer wieder schöne Checklisten und Tabellen sowie Zusammenstellungen von verschiedenen Internetadressen verschiedenster Foren und Communitys und Andressen von Verlagen und Agenturen. Das erspart einem zwar nicht die eigene Recherche, ist aber ein praktikabler erster Schritt. Die Tabellen und Checklisten sind eine schöne Anregung, die eigene Geschichte zu planen und zu organisieren, zumal Englert auch hier verschiedene Methoden präsentiert und dazu ermutigt, sich selbst auszuprobieren.

Sie geht oft sehr divers vor und beleuchtet ein und dieselbe Sache aus verschiedenen Standpunkten, statt zu sagen, dass etwas genau so und so gemacht werden muss. Mitunter betont sie auch, dass einige Dinge zwar gewagt, aber möglich sind und ermutigt dazu, manches einfach auszuprobieren; es ist immerhin der eigene Roman und am Ende bestimmt immer der Autor darüber, was damit passiert.  Das halte ich für eine sehr wertvolle Herangehensweise, denn ob etwas funktioniert oder nicht, wird man mit genügend Selbstreflektion schon selbst merken. Hoffentlich …

Ein kleiner Punkt, der mir persönlich aber sehr positiv auffiel. Fanfictions haben einen sehr ambivalenten Ruf. Einige lieben sie, andere hassen sie. Einige Autoren (wie George Martin) raten angehenden Autoren ab, selbst welche zu schreiben, andere ermutigen durchaus dazu und manche Bestseller waren ursprünglich selbst Fanfictions. Ich selbst liebe Fanfictions und bin der Ansicht, dass sie, wenn man sich im Lernprozess von ihnen lösen kann, einen wunderbaren Anfang bieten. Von daher fiel es mir sehr positiv auf, dass Englert Fanfictions ebenfalls positiv hervorhebt und ihnen einige Seiten widmete.

Uneingeschränkt stimme ich ihr allerdings nicht zu. Sie erwähnt Spiegelszenen als beliebtes Mittel, um das Erscheinen von Protagonisten, die von sich in der ich-Form erzählen. Dabei erwähnt sie leider nicht kritisch, dass Spiegelszenen mittlerweile einen sehr schlechten Ruf haben, da sie ein billiges Mittel sind und zudem über alle Maßen ausgelutscht.

Und Herrgott, nein! Wolf Schneider ist keine Empfehlung!

So ganz aktuell ist Englert leider auch nicht. Ihre Bücher und die Daten der Websides, die sie in ihrem Buch erwähnt, sind zwar, soweit ich das überblicken kann, vom Stand 2015, die Erzähltheorien, auf die sie sich stützt, um einige grundlegende Fakten zu vermitteln, sind veraltet. Stanzel wird zwar leider nach wie vor in der Schule gelehrt, seine Theorie gilt aber schon längst als überholt und wurde von Genette abgelöst. Genette ist nicht nur meiner Meinung nach eingängiger und praktikabler und auch an Universitäten mittlerweile bevorzugt.

Alles in allem ist das Buch aber dennoch eine Empfehlung für alle, die sich mit dem Schreiben befassen. Selbst wenn man nicht selbst schreibt, bietet das Buch einen guten Blick hinter die Kulissen der geliebten Fantasy-Autorenschmieden. Mit als Rezensent hatte es ebenfalls einige neue Denkanstöße gegeben.



Daten
Fantasy schreiben & veröffentlichen: Phantastische Welten und Figuren erschaffen: ISBN 978-3-86671-127-3, Autorenhaus Verlag, 2015, 19,99€

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